Soviel Schönheit ist unerträglich

Im Oktober 2001 war ich zum ersten Mal auf der Fraunhofer Jahrestagung, die in Darmstadt stattfand und die vier Tage dauerte. Es war ein mit allem kulturellem Aufwand und großer Sorgfalt inszeniertes Ereignis, mit dem die Fraunhofer Gesellschaft die neuen Forschungsergebnisse, die diesjährigen Preisträger und natürlich auch den wirtschaftlichen Erfolg dieser Institution feierte. „Fest der Forschung“ hieß das Ganze und der Randolf war als WTR, wissenschaftlich technischer Rat zugegen, eine eher untergeordnete Stellung, die von der Prominenz der Institutsleiter oder gar Vorstände kaum wahrgenommen wurde.

Obwohl ich kaum eine der Frauen kannte, die am Begleitprogramm teilnahmen, hatte man mich bereits auf die Unnahbarkeit der Frau des Präsidenten hingewiesen. Der Präsidentenfrau kam an diesen Tagen eine Fülle von Repräsentationspflichten zu und sie tat mir beinahe Leid die kleine Person mit den platinblonden Haaren und den hohen Schuhen. Sie sah sehr teuer aus und ihr Lächeln wirkte, trotz eiserner Höflichkeit, etwas überanstrengt.

Wir besuchten das Elfenbein-Museum in Darmstadt. In einem sehr großen Raum, der geschmackvoll unterteilt und abgeblendet war, standen in beleuchteten Vitrinen die Kostbarkeiten aus Jahrhunderten und Jahrtausenden. Obwohl man uns nach einer kurzen Führung die Freiheit ließ, anzuschauen was und wie lange wir es wollten, konnte das Auge die Fülle an japanischer und chinesischer Elfenbeinschnitzereien kaum fassen. Jedes einzelne Exponat war es wert, dass man sich stundenlang hätte darin versenken können.
Also beschloss ich, vor der Vitrine eines chinesischen Schachspiels stehen zu bleiben und die unendlich filigranen Verästelungen des Turmes genauer anzusehen, der durch einen Elefanten mit gleich fünf waffenstarrenden Kriegern symbolisiert wurde, solange ich wollte.

Während ich mich dem Schauen überließ, hörte ich auf zu denken, ich war wie in einer anderen Welt. Als ich aufsah, fiel mein Blick in ein Gesicht hinein, das mir gegenüber die Vitrine betrachtete, es war die Präsidentin. Auch sie musste im gleichen Augenblick aufgesehen haben, denn sie sah überrascht aus. Sie war sehr blass und ihre Lippen verzogen sich nicht wie sonst zu dem üblichen eilfertigen Lächeln. Genau wie ich suchte sie aus der Versenkung in die Kunst wieder zurückzufinden, sie suchte offenbar in ihrem Gedächtnis nach einem Namen, den sie meinem Gesicht zuordnen könnte und fand keinen.

„So viel Schönheit ist unerträglich“, sagte ich und sie lächelte erleichtert. „Ja“, meinte sie und wiederholte es langsam: “So viel Schönheit ist unerträglich“

Draußen vor dem Bus fragte sie mich, ob mir nicht kalt wäre. Noch später fragte sie mich, ob meine Perlen, die ich an dem Tag trug echt wären. „Was soll ich sagen?“, fragte ich. „Wenn ich Ja sage, denken Sie, dass mein Mann zu viel verdient, wenn ich Nein sage, denken Sie am Ende noch, ich trüge falsche Perlen.“ „Oh, sehr schön“, meinte sie und fragte: „Woher?“ Sie fragte mich dieses und jenes, aber nach meinem Namen fragte sie mich nicht. Danach fragte sie jemand anderen, denn eine Viertelstunde später kannte sie ihn.

 

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