KURZGESCHICHTE: Meine Zeit

Michael war noch am Leben an diesem Junimorgen um 6.00 Uhr, er sollte dafür dankbar sein und versuchte es auch wirklich. Die Rühr- und Knetmaschinen, die leistungsstarke Klimaanlage, die hier fast den ganzen Tag laufen musste, das stereotype Tuten der Backöfen, wenn wieder 50 Brötchen fertig waren, dröhnten in seinen empfindlichen Ohren, die dazu ausgebildet waren, feinste Klangunterschiede wahrzunehmen. Denn Michael war Pianist, mit seinem Studium am Konservatorium fast fertig. Dass er hier seit 3 Wochen in einem kleinen Zimmer neben der Backstube war, verstand er selbst nicht. Es war ein Glück gewesen, ein zufälliges Glück, dass Rudolf Reus, dem die Bäckerei gehörte und der morgens um 5.00 Uhr, nach seiner ersten Arbeitsschicht am Kiosk gegenüber einen Irisch Coffee trank, sich seiner erbarmt hatte. Der kleine, dicke Rudi hatte, wie so oft, den Überblick behalten, und unschwer erkannt, dass Michael demnächst einfach umfallen würde, zusammenklappen wie ein Kartenhaus. Warum, das hatte Rudi nicht wissen können, musste er auch nicht. Rudi war kein Mensch der vielen Warums, er handelte einfach und konnte sich auf sein Handeln verlassen. Das reichte ihm. Jetzt müsste Rudi schon wieder von seinem Irisch Coffee zurück sein. Nun war es ja nicht etwa so, dass man den Kaffee von Paulina Reus, Rudis Tochter nicht trinken konnte, ganz im Gegenteil. Nur wollte die 23-jährige Paulina morgens furchtbar gerne reden. Sie brauchte das richtig, um auf Touren zu kommen. Ihr Vater aber brauchte seine Ruhe und fand sie bei dem wortkargen Kioskbesitzer, mit dem er, während dieser Zeitungen sortierte, eine schweigsame halbe Stunde verbrachte.

Michael hatte hier nichts, nur das, was er angehabt hatte, als er von dieser Party kam, deswegen hatte ihm Paulina 3 T-Shirts und etwas Unterwäsche gekauft. Die Unterhosen waren laubfroschgrün mit Palmenmuster. „Es hat noch welche mit Mickey-Mäusen gegeben, aber ich nicht gewusst, ob du das magst?“, hatte sie gefragt. Michael wusste es auch nicht, wie so oft hatte er Paulina nur stumm angestarrt, unfähig zu einer vernünftigen Antwort. Endlich kramte er ein „Danke!“ hervor und kam sich blöd vor.

Jetzt ging er ins Bad, eine kalte Dusche würde helfen, so hoffte er. Das Bad, das Rudi, Paulina und manchmal verschiedene Angestellte benutzten, war funktional und schmucklos. In einem geflochtenen Körbchen unter dem Waschbecken waren die Utensilien, die Paulina für ihre Verschönerung benutzte untergebracht, sonst gab es ein allgemeines Duschgel, ein allgemeines Shampoo und einen Stoß Handtücher im Regal. Das Rauschen des Wassers erlöste ihn ein paar Momente von dem allgemeinen, mörderischen Geräuschpegel der Bäckerei. Aber schon als er sich die Haare abtrocknete, hörte er, dass Paulina – die hatte Nerven! – zusätzlich zu dem sonstigen Krach auch noch das Radio eingeschaltet hatte und hingebungsvoll: „It´s allright, it´s okay…“ schmetterte. „Ich kann nicht hier bleiben“, dachte Michael ohne Überzeugung, denn er wusste, dass er nur die Wahl hatte, hier zu bleiben, es war seine letzte Station, so wie für alte Menschen das Altersheim. Nur im Gegensatz zum Altersheim hoffte er hier nicht auf Besuch; im Gegenteil, er hoffte, dass ihn hier niemand finden würde.

In der Küche trank er den Kaffee, den Paulina ihm hinstellte und biss vorsichtig in ein Hörnchen. Er war der einzige, der das tat. Merkwürdigerweise waren alle Bäcker wie die Wilden hinter der Wurst her. Schon jetzt, beim Frühstück futterten sie heiße Wiener und Weißwürste, belegten für die zweite Pause ihre Brote mit dicken Hartwurstscheiben und der geselle Lukas, ein schwarzhaariger, hochaufgeschossener Typ, schweigsam wie sein Chef, fraß ohne Umstände eine ganze Stadtwurstsülze leer, bevor er sich seinen Rühreiern mit Speck widmete. Paulina stand am Herd, bewachte die zischenden Pfannen und dampfenden Töpfe und riss mit der Serviererin Linda Witze, einer rothaarigen, etwa 40-jährigen Frau, die es schaffte, gleichzeitig zu Lachen, zu rauchen, Kaffee zu trinken und Weißwürste zu futtern. Michael dachte, dass Paulina ein sehr genügsamer Mensch war, wenn sie für ihr sprudelndes Temperament als einzigen Ansprechpartner Linda hatte. Paulina war jung, die hätte vielleicht ganz gern ein bisschen geflirtet, aber die Männer in ihrer Umgebung waren dafür denkbar schlecht geeignet. Es war übrigens ein fließendes Frühstück. Dadurch, dass immer mindestens zwei Leute in der Backstube und einer im Café sein musste, wechselte die Formation der Frühstücksteilnehmer rasch und übergangslos. Alle hatten die Uhr im Auge, nützten ihre knappen Minuten für das Essenspensum, zwei Tassen Kaffee und ein paar Sprüche, um sich gleich wieder zur Arbeit zu begeben. Die Arbeit! Michael hatte sowas überhaupt noch nie gesehen, diktierte das Leben sozusagen Tag und Nacht. Als er hier aufgeschlagen war, in einem wirklich verzweifelten Zustand, ihm der Rudi aus Mitleid das Bett in der kleinen Kammer gegeben hatte, er am ersten Morgen danach hier herumstand und nicht wusste, wohin mit sich, da hatte ihn Rudi den anderen mit den Worten vorgestellt: „Das ist der Michael Schütz, der hilft uns ab jetzt.“ „Gut!“, rief sofort der Geselle. „Bist du Bäcker, Mann?“ „Nein“, musste Michael zugeben. „Macht nichts“, meinte Paulina. „Dann hilfst du Linda und mir eben im Café. Den Leuten Kuchen bringen und mal rauswischen, das kannst du doch, oder?“ Michael nickte. Er konnte es nicht nur, er hatte sogar einen fast klinischen Sauberkeitsfimmel. Schon in den ersten Tagen bestellte er bei Paulina eine Garnison Putzmittel, von denen sie bisher nie was gehört hatte und legte los, dass es eine Art hatte. „Herrschaft! Wenn du putzt, ist es aber sauber!“, bemerkte Linda und blinzelte durch die inzwischen unnatürlich hellen Fenster. Die Gardinen hatte Michael gleich in die Waschmaschine gesteckt. „Findest du nicht, dass es langsam etwas ungemütlich wird?“, fragte Linda. Michael hatte dem zugestimmt und bepflanzte Balkonkästen für die Fensterbretter angeregt und echte Blumen, ECHTE Blumen für die Tische. „Soll ich jetzt jeden Tag auf den Markt renn?“, wollte Linda wissen. „Ja, kommst du nicht am Morgen dort sowieso vorbei?“ fragte Paulina. „Dann nimm doch früh die Blumen mit und den Rest…“ „…den Rest erledige ich“, ergänzte Michael. „Kannst du wohl auch Blumen stecken?“. „Ja.“ „Na, dann hol sie dir doch selber, denn du weißt doch am besten, was du brauchst.“ „Nein“, erwiderte Paulina. „Kann er nicht. Er geht hier nicht raus.“ „Warum nicht? Wirst du von der Polizei gesucht?“ „Nein.“

Mehr als dieses „Nein“ hatte er nicht gesagt. Aber er versuchte sich für das Essen und das Bett nach Kräften nützlich zu machen. Es tat ihm sogar unerwartet gut, denn es lenkte ihn ab. Jede Minute, in der er nicht daran denken musste, tat ihm gut wie eine ersehnte Schmerztablette. Und so gesehen und obwohl er mehr darunter litt als er bereit war zuzugeben, konnte es doch gar nicht laut, heiß und turbulent genug sein – Hauptsache, er war herausgefallen aus dem Leben und man ließ ihn da so liegen, weg vom Fenster für alle Zeiten, noch lebendig, aber schon tot, Hauptsache, er hatte seine Ruhe. —

Michael hatte noch nicht genug Abstand, um nicht zu erschrecken, als Harry Bodrum das kleine Café betrat. Harry war groß und blond, ein echtes Blond, in dem sich die Lichtreflexe des Morgens spiegelten. Um seine Mundwinkel spielte immer ein joviales Lächeln, das irgendwie zu seinem Gesicht zu gehören schien. Aber seine Augen sahen jetzt erschrocken aus, wie auf der Hut vor irgendetwas, mit dem er nicht gerechnet hatte. „Kann ich dich einen Moment sprechen“, es war keine Frage, sondern eine Feststellung und sie kam geschäftsmäßiger heraus, als er wohl beabsichtigt hatte. Michael wies auf einen der kleinen Tische an der Wand und nahm auf der Eckbank Platz.

„Was ist um Himmels Willen passiert, Micha?“

„Nichts“, antwortete Michael.

„Nichts?“ wiederholte Harry. „Seit drei Wochen bist du verschwunden, ich… hab ein Detektivbüro engagiert, um dich zu finden! Weißt du, was das kostet?“

„Nein“, antwortete Michael.

„Um ein Haar wäre ich zur Polizei gegangen“, Harry senkte die Stimme.

„Warum hast du es nicht getan?“, fragte Michael.

Harry antwortete nicht sofort und Michael dachte, dass er doch offenbar noch so viel von dieser Nacht wusste, dass er sich ungefähr vorstellen konnte, warum Michael gegangen war. Harry sah sich um.

„Können wir nicht irgendwo anders reden, wo wir ungestört sind?“

„Nein“, antwortete Michael und riskierte es, Harry direkt anzusehen. Die befürchtete Enttäuschung war sofort da.

„Die große Liebe“, dachte Michael. „Ich werde nie mehr lieben.“

„Was machst du hier?“, wollte Harry wissen.

„Arbeiten“, erwiderte Michael.

„Als Bedienung? Als Putzfrau?“

„Ja.“

„Und… und dein Studium?“

„Ich gehe da nicht mehr hin.“

„Aber, aber… ich bitte dich!“, Harry schrie fast. „Was sagen denn deine Eltern dazu?“

„Was“, Michael sah auf die Zuckerdose. „Haben denn meine Eltern gesagt, als ich ihnen erzählt habe, dass ich schwul bin und mit meiner großen Liebe zusammenziehen will?“

„Also, egal, wie das mit uns wird oder nicht“, begehrte Harry auf. „Ich will nicht daran schuld sein, dass du deine Laufbahn aufgibst! Das ist ja Wahnsinn!“

„Okay“, meinte Michael. „Dann sei es nicht.“

„Wie bitte?“

„Sei NICHT schuld daran“, beharrte Michael. „Es ist meine Sache, dass ich hier bin und nicht deine. Also, ade, ich muss hier weitermachen.“

„U… und deine Sachen?“, stotterte Harry.

„Verschenk, verkauf sie, wirf sie weg, ich brauche sie nicht mehr.“

„Und den Flügel?“

„Auch den Flügel.“

„Du bist krank“, stotterte Harry. „Du brauchst Hilfe.“

„Nein. Meine Ruhe.“, meinte Michael , stand auf und sah den total erschütterten Musikkritiker Harry Bodrum an und das – so hoffte er – zum letzten Mal. —

Er war froh, als Harry fort war, aber plötzlich war ihm alles zu viel. Die Frau mit den schlurfenden Schuhen, die jeden Nachmittag kam, mindestens zwei Stück Kuchen aß und Kaffee trank, vielleicht der einzige Luxus, den sie sich leisten konnte, kam herein und setzte sich, die abgegriffene Einkaufstasche neben sich. Michael hatte ihr bisher gerne geholfen, sich ein bisschen als große Dame zu fühlen und ihr Gesicht hellte sich auf, als sie ihn sah, aber er fand seine heitere Freundlichkeit nicht und ertappte sich bei dem schrecklichen Gedanken, dass es ihm lieber wäre, sie würde etwas weniger Kuchen essen und sich dafür ein Paar neue Schuhe kaufen. Wie würde er bloß werden, wenn er anfing andere Menschen zu beurteilen und schulmeisterlich auf sie herabzusehen? Mühevoll zwang er sich, das Lächeln der alten Frau zu erwidern und legte einen Baiser-Keks in rosa neben ihre Kaffeetasse.
„Was ist das?“, fragte sie.

„Himbeerbaiser“, sagte er. „Haben wir neu im Sortiment. „Ich wollte wissen, was eine Feinschmeckerin wie Sie dazu sagt.“

Sie biss hinein und nickte überrascht. „Sehr gut!“, rief sie anerkennend. „Schmeckt tatsächlich nach Himbeere, gar nicht so süß.“, dass die anderen Leute an den Tischen, ein Liebespaar und ein Opa mit Enkeltochter interessiert zu ihm hersahen. Der ältere Herr hob die Hand: „Kann ich bitte auch für meine Kleine…?“ und Michael, der Käsekuchen brachte, nickte: „Natürlich!“ Am Ende des Tages hatte Paulina, die Michael dankbar anstrahlte, 5 große Tüten Himbeerbaiser verkauft und sich von ihrem Vater ein echtes Kompliment für ihr geniales Rezept eingefangen.

„Aber Michael hat das gut gemacht“, zwitscherte Paulina. „Er hat jedem eins umsonst gegeben und dadurch…“ Er sollte jetzt auch etwas sagen, das fühlte er, aber sein Blick fiel auf den ockerfarbenen Anstrich der großen Küche, der nicht mehr sehr sauber war und er hätte am liebsten geschrien. Er wünschte sich, dass alles anders wäre. —

Nachts fand Michael keinen zusammenhängenden Schlaf, immer nur mal für eine, eineinhalb Stunden fiel er in einen unruhigen Traum, dann war er wieder wach. Untermalt vom Summen der Ventilatoren im Nebenhaus erschienen ungerufene Bilder vor seinem geistigen Auge, Bilder der Wohnung, in der er zweieinhalb Jahre mit Harry gewohnt hatte, eine elegante Etagenwohnung in einem denkmalgeschützten, bestens sanierten Gebäude in dem verkehrsberuhigten Teil der Innenstadt. Harry war es sehr wichtig, komfortabel und exklusiv, zentral und ruhig gleichzeitig zu wohnen. Auch im „Interieur“, dem Flair der Wohnung hatte Harry seine hohen Ansprüche verwirklicht. Denn er war ein Ästhet reinsten Wassers und Harrys Vorstellungen von Platz und Beleuchtung, sein Umgang mit dem Wort hatten bei Michael von Anfang an eine gewisse Erleichterung ausgelöst, als ob er andauernd dachte: „Gott sei Dank gibt es doch noch einen einzigen Menschen, der es begriffen hat!“ Begriffen, dass man einen dunklen Holzparkettboden auch einfach so wirken lassen konnte; dass man einen Raum nicht vollstellen sollte und eine weiße Wand keine Aufforderung darstellte, möglichst sofort ein monumentales Gemälde davor zu hängen, dass Bettwäsche nicht unbedingt bunt und dann auch noch aus Frottee sein müsste, das alles hatte Harry begriffen. Und dass ein Mensch wie Michael während des Klavierspiels seine Ruhe brauchte, das hatte Harry begriffen. Michael sah sich an dem teuren Flügel sitzen in seinem geräumigen Zimmer, wo die großen Fenster zur Parkseite hin geöffnet waren, ein helles Morgenlicht und klare Luft strömte herein und er spielte eine Hymne von Scarlatti. Wie schön, wie unfassbar schön war das alles gewesen und wie vorbei, wie für alle Zeiten vorbei war es jetzt.

Bilder erschienen ihm in dieser Nacht von der Konzertnachfeier, auf der sie sich kennengelernt hatten, die Leichtigkeit ihres Gesprächs, in dem sofort die staunende Begeisterung spürbar wurde, dieses Wiedererkennen, als ob sie sich schon aus einem anderen Leben kannten und sich jetzt wiedergefunden hätten.. Die Luft flimmerte wie Gold und prickelte wie Champagner, die Lampen tauchten das Theater in ein rotgoldenes Licht, das funkelte wie ein alter, schwerer Wein. Das ganze Leben hatte plötzlich eine Qualität, einen Geschmack, eine Freude, die er sich nie erhofft hatte und mit Harry zusammen zu kommen war unausweichlich, eine schnelle, glückliche Entscheidung.

Auch Harry, ein hervorragender Querflötenspieler, hatte Musik studiert, war dann aber in das Feuilleton einer großen Zeitung übergewechselt, für die er Kritiken und Aufsätze schrieb über alles Kulturelle. Harry war 12 Jahre älter als Michael, ein Altersunterschied, den sie beide überhaupt nicht wahrnahmen. Auch dass Harry THEORETISCH eine andere Auffassung von der Liebe hatte, nahm Michael nur ganz am Rande wahr. Denn von Treue hielt Harry theoretisch nicht viel. „Warum sollte ich einem, mit dem ich Sex hatte, ewige Treue schwören, das ist doch albern“, hatte er behauptet. „Nicht WEIL du mit ihm Sex hattest“, hatte Michael erwidert. „Sondern aus Liebe.“ „Aber wenn es Liebe ist, dann will ich ja nichts anderes“, hatte Harry gelächelt. „Wozu brauche ich dann sowas wie Treue?“ Michael hatte damals tatsächlich gelacht, fand diesen Gedanken logisch, in sich stimmig und hatte im Hochgefühl ihrer unvergleichlichen Verbindung einfach angenommen, dass es zwischen ihnen niemals anders sein könnte. Beruflicher Ärger, wochenlange Erkältungen, schlechte Laune, vorübergehende Lustlosigkeit, das alles kam in seinem rosaroten Denken nicht vor, weil sich dieses Leben so einfach, so verführerisch einfach anfühlte. Dass Harry mehr auf Partys ging und länger vor dem Spiegel brauchte als er, nahm er mit humoristischen Anflügen zur Kenntnis, weil er akzeptiert hatte, dass für Harry die Außenwirkung eben enorm wichtig war. Nur WARUM das so war und welche Gefahren es enthielt, hatte Michael überhaupt nicht hinterfragt. Jetzt fand er, dass er sich damals in seiner unkritischen Naivität ziemlich unreif benommen hatte, in dem er alles, was Harry war und tat als quasi gottgegeben hinnahm. Erklärungen wie: „Das gehört doch alles zu meinem Job, Networking, weißt du, das machen doch alle…“ hatte er nie angezweifelt, nie gesagt: „Es ist schon reichlich spät“, wenn Harry um 4.00 Uhr morgens mehr als beschwipst nach Hause kam. War es nicht eigentlich ein Zeichen von Misstrauen und nicht von Liebe jemanden auszufragen, am Ende noch hinter ihm her zu spionieren? Nein, Freiheit war das wichtigste. Noch jetzt, wüsste er nicht, was er tun sollte, wenn er das, was geschehen war, hätte kommen sehen. Solche Sprüche wie: „Gelegenheit macht Diebe!“ verachtete er. Als ob es seine Aufgabe sein könnte, jede Gelegenheit auszuschließen, um Harry daran zu hindern, untreu zu werden. Was für ein Leben sollte das sein, wo einer als des Anderen Gefängniswärter fungierte?!

Aber auch das, was Harry jetzt sagen würde und das wusste Michael schon, bevor er mit ihm darüber gesprochen hatte, kam ihm genauso unglaubwürdig, ja sogar genauso spießig vor wie das Gefängnismodell: „Das, was passiert ist, war eine Erfahrung, na, gut, aber jetzt kann ich das auch wieder abhaken. Es hat absolut nichts mit meinen Gefühlen für dich zu tun. Hundertprozentige sexuelle Monogamie ist unnatürlich, das kann kein Mensch versprechen, am ehesten ist das was für Mamis und Papis, die wegen den lieben Kinderchen jahrzehntelang zusammenbleiben müssen. Aber wir haben eine andere, offenere Beziehung, ist doch klar.“ So einfach war die Sache für Harry Bodrum oder vielleicht wäre es richtiger zu sagen: So einfach machte sich Harry Bodrum die Sache. Michael sah jetzt klar, dass man als Mensch Verantwortung hatte und die erschöpfte sich nicht darin, den Liebespartner halbwegs gut zu behandeln, solange sich die Beziehung eben „gut“ anfühlte. Man war aufgerufen nicht nur zu erleben und zu genießen, sondern zu gestalten. Das angenehme, auch aufregende Achterbahngefühl, das er im Zusammenleben mit Harry in allen Bereichen und eben – leider! – auch in der Musik gespürt hatte, war das Falsche gewesen. Denn im Grunde hatte er die Dinge passiv auf sich zukommen lassen. In seinen bitteren Momenten, in denen er sein Leben in erschreckender Klarheit sah, argwöhnte er, dass sein freude-erfülltes Klavierspiel am offenen Fenster in Wirklichkeit vielleicht doch nur ein oberflächliches Geklimper gewesen sein könnte. Wohl hatte er seine Technik verbessert, aber war er jemals wirklich in die Tiefe gekommen? War dieses Leben, dass er so vehement als das „richtige Leben“ bezeichnet hatte, nicht eigentlich nur ein „Davor-stehen-bleiben“ gewesen? Er hatte sich fallen lassen in die Lust und Leichtigkeit, hatte die Jugend, sein Talent und alle daraus resultierenden Möglichkeiten genossen, aber war es das wirklich: Das richtige Leben? Nichts davon, dachte er jetzt, war die Sache wirklich wert. —

Michael war müde an diesem Tag, aber er zwang sich dazu, das, was jetzt seine Aufgabe war, nicht nur pflichtbewusst, sondern engagiert anzugehen. Die abgeranzten, nicht zusammenpassenden Tischdecken provozierten seine aufgebürsteten Nerven derart, dass er im Internet dreißig neue Tischdecken in geschmackvollem Aubergine und aus demselben Stoff passende Platzsets in einem hellen Apricot-Ton bestellte. Außerdem orderte er 15 neue, kleine Glasvasen für die Tische, eine Menge Servietten und verschiedene Deko-Artikel wie kleine Vögelchen. „Neue Vorhänge kommen auch demnächst her“, verkündete er Rudi, der ihn sprachlos anstierte und dann bloß: „Wieviel?“ fragte. „Etwa 1500 Euro“, erwiderte Michael. „Aber es ist dringend nötig! Da ist seit mindestens zwanzig Jahren nichts mehr gemacht worden.“ Rudi zuckte die Schultern, als wollte er sagen, dass das nicht in sein Gebiet fiel, aber Paulina gab ihm temperamentvoll Recht: „Genau!“, rief sie. „Aber mindestens!“ „Woher weißt es du?“, brummte Rudi. „Bist ja selber noch keine zwanzig!“, worauf sich Paulina natürlich zu ihrer vollen Größe aufrichtet und: „Ich bin 23 Jahre alt, Papa!“ behauptete. Außerdem regte Michael an, Paulina sollte die erfolgreichen Himbeer-Baisers in etwas kleineren Tüten anbieten. „Und schau mal, wenn du eine große Rosette Himbeerbaiser machst wie eine perfekte Blüte mit sechs Blättern und du gibst zwei Pistazien-Marzipanblätter dazu und einen Stiel aus dunkler Schokolade, reicht ja eine kleine Rolle innen hohl, dann ist es eine hübsche Blume, lässt sich gut als Geschenk verkaufen in einem, weißen kleinen Karton mit durchsichtigem Cellophan-Deckel, dafür kannst du 3,50 Euro verlangen.“ „Aber geht das?“, stotterte Paulina. „Ein Baiser-Keks, bisschen Marzipan, 3,50? Sag auch mal was, Papa?“ Und Rudi meinte: „Ja, probiere es! Wenn du es nicht probierst, weißt du nicht, ob es geht.“

Am Abend des Tages, immer als letzte, kam eine kleine, grauhaarige, ganz in schwarz gekleidete Frau herein, legte ein 2-Euro-Stück auf die Theke und sagte wie immer: „Bitte Brot von gestern“, als ob es die einzigen Worte deutsch wären, die sie kannte. Und Paulina packte der Frau in die mitgebrachte Einkaufstasche verschiedene Gebäckstücke, die sie nicht verkauft hatte und das gewünschte Brot, auch wenn es nicht von gestern war. Die Frau neigte dankend den Kopf mit einer natürlichen Anmut, die Michael, der gerade zwischen den Tischen hervorputzte, bewunderte. Obwohl klein und mollig, hielt sie sich sehr gerade, ja, ihr Gang hatte trotz der einfachen Schuhe etwas Elegantes, sogar Tänzerisches wie ein Überbleibsel aus einer längst vergangenen Zeit. Michael dachte, dass sie einmal sehr schön gewesen sein musste. Als sie gegangen war, meinte Lukas: „Du gibst für die 2 Euro Ware im Wert von 8-10 Euro her!“ „Na, und?!“, rief Paulina. „Wenn du nichts zu beißen hast, bist du auch froh, wenn dir jemand ein Brot gibt, bevor es zur Tafel oder den Elefanten im Zoo wandert.“ „Komm jetzt, Brot! Das war eine Menge Kuchen, die hätten wir noch gut verkaufen können.“ Plötzlich ertönte ein Knurren, es klang ganz ähnlich wie von einem Löwen, Rudi stand hinter Lukas und sah ihn grimmig an. „Ist Recht, Chef!“, beeilte sich Lukas zu versichern. „Ich hab nichts gesagt, Teig für morgen ist schon fertig.“ „Der Schokoladenguss!“, verlangte Rudi zu wissen. „Ist fertig! Bring ich gleich!“ Sie verschwanden in der Backstube. Jetzt war es an der Zeit abzuschließen, aber es kam noch jemand herein. Es war ein großer, kerzengerader, sehr gut aussehender Bursche mit funkelnden, schwarzen Augen und blauschwarzem, aus der Stirn gebürstetem Haar. Michael erkannte in ihm den aufsteigenden Stürmer des 1. FC Bischofsgrün, der seit Monaten die Torschützentabelle der Regionalliga anführte. Da er Diego hieß und aus Argentinien kam, führte kein Weg daran vorbei, dass ihn alle „Maradona“ nannten. Er sah sorgfältig an Paulina vorbei und legte einen Geldschein auf den Tresen. „Meine Mutter braucht dein Mitleid nicht! Ich bin Diego Mendez und ich bezahle, was sie gekauft hat!“ Das brachte Paulina auf die Palme. „Ich werde ja wohl noch wissen, was ich deiner Mutter verkauft habe und zu welchem Preis, du Moosbüffel!“, fauchte sie. „Da, nimm dein Geld und schwirr ab! Sag auf deinem Fußballplatz, wo es lang geht, aber nicht hier!“ Bei der Erwähnung des Fußballplatzes überzog ein geschmeicheltes Grinsen Maradonas Gesicht und ließ sich nicht mehr wegwischen. Sie kannte ihn also. Paulinas Wangen verfärbten sich noch etwas dunkler als schon zuvor, aber endlich sah sie auf und lächelte auch, wie gegen ihren Willen. „Madre di Dios“, murmelte der Fußballer beeindruckt und berührte die goldene Münze mit der Jungfrau Maria um seinen Hals. Michael hielt ihm die Tür auf. „Was hältst du mir Türe auf? Bin ich alter Mann, he?“, protestierte Maradona. „Nein“, meinte Michael. „Aber wir schließen jetzt. Guten Abend!“ —

Lukas hatte den großen Besen im Gang stehen lassen und Michael, der um 6.00 Uhr schlaftrunken aus seiner Kammer stolperte, fiel beinahe darüber, musste mehrmals Halt suchen, sonst wäre er auf den Betonboden gefallen. Er schimpfte vor sich hin; es hörte ja sowieso keiner. Um 6.00 Uhr waren alle bei der Arbeit, in einer Bäckerei um 6.00 Uhr aufzustehen war ein Unding an Luxus und Pflichtvergessenheit, soviel war klar. Der Vorteil war, dass Bad und Dusche frei waren. Er hörte das Gurgeln des Wassers, untermalt von dem Schleifen und Rumpeln der Knetmaschinen in der Backstube, das von unten heraufdrang, rhythmisch, unabweisbar, fesselnd, dazwischen der klopfende Sprühregen einzelner Tropfen, ein plötzliches Rauschen und hier GENAU JETZT bräuchte es ein paar Takte Saxophon, vielleicht ein Marimba, um die Regentropfen musikalisch zu unterstützen und ganz im Hintergrund ein Bass… nein, zu dunkel, ein paar Bratschen, ja, ach, wenn er nur Notenblätter hätte! Nicht nur, dass er keine Notenblätter hatte, er hatte auch kein Duschgel! Eines gab es nur für alle Beteiligten und das war auch noch alle! Saustall! Er musste das Duschgel auf die Einkaufsliste setzen. Ihm blieb nichts anderes übrig, als sich die abgeschabte Seife vom Waschtisch zu angeln, um sich damit abzuseifen. Davon stand schon wieder das halbe Bad unter Wasser. Was er von der Tauglichkeit dieses Duschvorhangs hielt, wollte er lieber nicht in Worte fassen. Als er sich anzog, war er wieder bei der Musik. Was sollte er denn in die Notenblätter schreiben, gesetzt den Fall, er hätte welche? 16 Takte Knetmaschine auf Stärke 3, dann 8 Takte Stärke 4, ab da untermalt von dem Scheppern von Metallbackblechen? Er lachte, als er sich die nassen Haare aus der Stirn kämmte. Warum eigentlich nicht? Wenn er ein kleines Diktiergerät hätte, könnte er diese Geräusche aufnehmen und seine Musik darum herum aufbauen. Er wollte sich keine Gedanken darüber machen, was dabei herauskommen würde, vielleicht war es ein unsinniges Experiment, und wenn schon! Wen interessierte das? Er lebte im Untergrund der Bäckerei, weit weg von jeder Kunstszene, weit weg vom Beeindrucken-wollen und Beurteilt-Werden. Ein paar Notenblätter würde er auf die Einkaufsliste setzen, genau wie Duschgel, Sprühstärke und die Blumen vom Markt. Es lag ein verwaister Strauß Rosen auf der Theke, er griff automatisch danach und sagte: „Linda, die Blumen immer gleich ins Wasser stellen!“ und Linda, die in der offenen Tür stand und eine Zigarette rauchte, meinte: „Aber die habe ich nicht gekauft! Ich hab keine Ahnung, wer sie da hin gelegt hat.“ Michael betrachtete die bunten Rosen, die erst heute früh auf dem Markt gekauft worden sein mussten, ein ordentlicher Strauß, leuchtend, bunt, duftend. Er suchte eine passende Vase heraus, schnitt die Stiele an und stellte den Strauß auf die Verkaufstheke. „Du weißt auch nicht, von wem diese Blumen sind?“, fragte er Paulina, die ein bisschen zu schnell und energisch den Kopf schüttelte. Der Tag kam, hell und heiß, mit einer Menge herausfordernder Arbeit wie immer und doch – so kam es Michael vor – war er untermalt von einer hintergründigen Heiterkeit, einer schwer fassbaren Hoffnung, die sein Leben nicht ergriff, sondern streifte wie ein frischer, nach einzelnen Frühlingsblumen duftender Wind. Die Blumen, die auf der Theke standen, leuchteten umso eindringlicher je mehr man sie zu übersehen trachtete. Um halb zehn kam Maradona und kaufte zwei Nusshörnchen. Er sah die Blumen und dann Paulina an. „Gefallen dir – meine Blumen?“ Sie nickte verlegen, sagte aber nichts. „Diese Frisur“, Maradona machte eine Handbewegung, die den Knoten andeutet, mit dem Paulina ihr Haar zusammengefasst hatte. „Das soll antäuschen, dass du lange Haare hast, ja?“, fragte er. „Ich will überhaupt nichts antäuschen“, erwiderte sie. „Ich habe lange Haare.“ Mit einer spontanen Bewegung löste sie das elastische Samtband ihrer Frisur und zu beiden Seiten ihres Gesichts umgaben sie glänzend haselnussgoldene Wellen, die ihr auf die Schultern bis über den Rücken hinab fielen. „Madonna!“, murmelte er beeindruckt. Als ob ihr diese eitle, überflüssige Aktion plötzlich peinlich wäre, fasste Paulina ihr Haar mit einem raschen Griff wieder zusammen und befestigte es mit dem dunkelroten Samtband. —

Es war noch nicht vorgekommen, dass Paulina das Gesicht im Sportteil der „Bischofsgrüner Morgenpost“ vergrub, aber genau das tat sie während des Abendessens, so lange, als müsste sie jeden Buchstaben einzeln entziffern. „Was steht drin?“, fragte Rudi, den Mund voller Schinkenbrot. „Ach, nichts“, „Was?“ „Also naja: Der Vorstand des 1.FCB hat beschlossen, den argentinischen Stürmer Diego Mendez, genannt Maradona als Profi für die nächsten drei Jahre zu verpflichten. Mendez unterschrieb, laut Präsident Dr. h.c. Reinhard Roggenhaus, schon am Donnerstag für ein Monatsgehalt im 5-stelligen Bereich. Das ist der…“ „Ich weiß, wer das ist“, unterbrach Rudi. „Die Blumen.“ Paulina nickte und sah auf ihren Teller, sie brauchte lange, bis sie ihr Brot gefunden hatte und hinein biss. —

Am nächsten Tag erschienen zum ersten Mal Maradona und seine Mutter zu zweit in der Bäckerei. „Guten Morgen!“, grüßten sie, aber ab da sprach nur noch die Mutter. „Gibt was zu feiern!“, sagte sie. „Mein Sohn Diego, noch nicht versprochen, hat jetzt Arbeit. Wir geben kleine Feier bei uns daheim, Glockengasse 14, dritter Stock. Wir brauchen…“, sie holte einen Zettel hervor. „2 große Graubrot, 2 Weißbrot, 10 Kornstengel, 12 Moccateilchen, einen gedeckten Apfelkuchen, 2 Tüten Himbeer-Baiser…“ „Geben sie mir die Liste“, meinte Paulina und nahm Frau Mendez den Zettel ab. „Bis wann sollen wir die Sachen liefern?“ „Aber nein, nein, Sie nicht liefern, mein Sohn kann tragen“, protestierte Frau Mendez. Maradona nickte. „Aber warum“, fragte Paulina „Haben Sie gesagt: Glockengasse 14, wenn wir nicht liefern sollen?“ „Ja, weil Fräulein Reus und Papa bitte zu unserem Fest kommen, morgen Abend, 20.00 Uhr. Maradona, der hinter seiner Mutter stand, sah Paulina in die Augen und nickte beschwörend. „Äh, ja…“, Paulina packte geschickt und etwas hektisch die gewünschten Backwaren in große Papiertüten. „Ich muss meinen Vater fragen, aber ich glaube schon, ja.“ „Komm schon!“, forderte Frau Mendez ihren Sohn auf. „Nimm Fräulein Reus Taschen ab.“ Paulina reichte Maradona die Tüten, Frau Mendez bezahlte, Michael hielt ihnen die Türe auf und draußen waren sie. „Na!“, meinte Michael, der ihnen nachsah. „Viel hat der große Stürmer nicht zu sagen, aber viel hat er zu tragen.“ „Warum ist denn die Mama mitgekommen, wenn er alles trägt?“, überlegte Paulina. „Um die Einladung auszusprechen“, erwiderte Michael. „Vielleicht denkt er, du kommst eher, wenn seine Mutter die Einladung ausspricht und außerdem… hast du gehört, was sie am Anfang gesagt hat: Mein Sohn Diego, noch nicht versprochen, das heißt, er ist noch nicht verlobt, das heißt: vergeben. Offenbar will er, dass du das weißt – und darum soll es wohl seine Mutter sagen, damit du es auch glaubst!“ „Wie soll ich das nur Papa beibringen?“, überlegte Paulina und strich sich eine Haarsträhne aus der Stirn. „Wo der doch nirgends hingeht.“ Aber zur allgemeinen Überraschung war Rudi Reus ziemlich umstandslos bereit zur Profivertragsfeier zu Mendez in die Glockengasse 14 zu gehen. Michael sah ihnen nach an diesem warmen und friedlichen Abend. „Wenn das mal gut geht“, dachte er. Aber als sie weg waren, fühlte er sich allein. —

Es folgte eine Einladung für die ganze Bäckerei zum Pokalspiel, Viertelfinale gegen den VfB Cattenberg. Michael und Lukas hatten die sehr aufgeregte Paulina in die Mitte genommen, zu deren linker Seite Linda saß und noch ein kleines Stück weiter weg in unauffälliger, aber stiller Eintracht Frau Mendez und der Bäckermeister Rudi Reus. Maradonas Mama nahm gerade verschiedene Tupperdosen aus der Kühltasche und zeigte Rudi, was sie für die Pause eingepackt hatte. Er nahm eine Serviette, griff sich ein Hackfleischküchle aus der Dose, die sie ihm hinhielt, bis hinein und nickte anerkennend. Die jüngste Tochter von Frau Mendez Evita saß auf der anderen Seite ihrer Mutter, sie war sehr schlank, deutlich jünger als Maradona, aber wieviel jünger konnte man schlecht einschätzen, sie konnte vierzehn oder achtzehn Jahre alt sein. In Abständen ließ sie den Kaugummi in ihrem Mund zu einer Blase anschwellen und mit einem lauten Knall zerplatzen, bis ihr die Mutter eine Hand aufs Knie legte und ihr bedeutete, das zu unterlassen. Schließlich kamen die Spieler auf den Platz, musikalisch begleitet von ihren jeweiligen Vereinshymnen und wurden vom Stadionsprecher – zuerst die Gäste aus Cattenberg – namentlich vorgestellt und lautstark bejubelt. Auch als Maradona vorgestellt wurde „Und mit der 10 Diego „Maradona“ Mendez, die Neuerwerbung des Vereins“, brandete Beifall auf, aber aus dem Ultra-Fan-Block ertönten auch ein paar Pfiffe. Frau Mendez sah schockiert zu einer Ansammlung schwarz gekleideter Burschen hinüber, manche mit nacktem Oberkörper, einige trugen Kopftücher mit Totenköpfen, sehr viele Tattoos und führten Hakenkreuzfahnen mit.

„Aber… ist das nicht verboten?“, fragte Frau Mendez. „Doch! Diese Idioten!“, zischte Rudi. „Denen geht’s gar nicht um Fußball! Lassen Sie sich von denen nicht die Stimmung verderben.“ Theo Hallwang, ein schmaler, blonder, nicht sehr großer Mann mit kurzen Haaren war Mittelfeldspieler oder wie die Sportjournalisten sagten: Mittelfeldstratege mit einem herausragenden spielerischen Überblick. Mit 27 Jahren war er bereits Kapitän der Bischofsgrüner Mannschaft. Schon in den ersten fünf Minuten konnte man sehen, dass Maradona Theo Hallwangs – wegen seiner fehlenden Körpergröße wurde er auch „Halblang“ genannt – Spiel geradezu ideal ergänzte. Maradona konnte Theos intelligente Pässe sofort zu überfallartigen Angriffen nutzen, er schoss unerschrocken aus jedem Winkel, die gegnerische Abwehr war bereits paralysiert, bevor sie sich richtig formiert hatte und schon in der siebten Minute traf Maradona mit einem wuchtigen Schuss aus 20 Metern ins linke obere Eck, der frenetisch bejubelt wurde. So ging das weiter und einzig einem gewissen Schusspech der Bischofsgrüner war es zu verdanken, dass es zur Pause nur 2:0 stand. Nach der Halbzeitpause erwachte in den Cattenbergern die Gegenwehr. Ausgerechnet Friedel Apfelbaum, ein kantiger Abwehrspieler, trotzte aus der blanken Wut dem Himmel ein Kopfballtor ab, so dass es plötzlich nur noch 2:1 stand und es war klar, dass jetzt die heiße Phase des Spiels begann. Die Cattenberger griffen an, aber das machte sie auch für Konter anfällig und Hallwang organisierte sein Spiel jetzt in verwirrenden Wechseln über die Flügel. Michael, der sich für Fußball eigentlich nicht interessierte, beobachtete fasziniert, wie mühelos Maradona Theo Hallwangs Ideen umsetzte, wie schnell er losrannte, wenn Hallwang es geschafft hatte, ein paar Verteidiger mit sich zu beschäftigen, wie clever er seine Mitspieler einband. Von drei Cattenbergern hart verfolgt, gab Maradona nach einem Sprint von dreißig Metern an den besser postierten Spähn ab, der zum 3:1, dem Endstand einschoss, auf Maradona zu lief und ihn heftig umarmte.

Nach diesem sehr befriedigenden Sieg spazierten Michael, Rudi, Frau Mendez und Evita in den Park, um die köstliche Brotzeit aufzuessen und ein paar Bier zu trinken. Maradona war nicht dabei, er feierte mit der Mannschaft. —

Am Montag früh warf Michael einen Blick in die Zeitung. Gleich auf der ersten Seite unter dem Bericht des neuesten Terroranschlags in Lybien, war ein Bild von Diego „Maradona“ Mendez abgedruckt, wie er zum 1:0 einschoss und darunter stand: „Guter Kauf! Maradona macht seinem Spitznamen alle Ehre! Mehr im Sport auf Seite 26.“ Michael schlug die Seite 26 auf und sein Blick fiel sofort auf dieses Bild: Es zeigte Maradona im Siegesrausch, wie er mit romantischen Sternchen in den Augen ein dunkelhaariges Mädchen mit tiefem Ausschnitt an sich drückte, die sich besitzergreifend an ihn schmiegte. Lieber Himmel, was war denn das? War das die Selfie-Aufnahme eines weiblichen Fans, der das Bild gleich in die Redaktion geschickt hatte? Michael überlegte gerade, wie man die Zeitung vor Paulina in Sicherheit bringen könnte, da kam Linda und fragte nach der Einkaufsliste. Die hatte er noch in der Küche. Als er wiederkam, sah er, wie Paulina den Kopf in der Zeitung vergraben hatte. Unheimlich lange und still las sie so. Als sie wieder aufsah, sah sie ganz anders aus. Um 10.00 Uhr spazierte Maradona herein, als ob nichts wäre und grinste: „Zwei Hörnchen.“ Paulina sah nicht hoch, sondern packte die Hörnchen in eine Papiertüte. „2.60“ „Ist Regenwetter?“, fragte Maradona. „Was guckst du so?“ Sie antwortete nicht und Michael fühlte sich bemüßigt einzugreifen. „Da schau mal“, meinte er und reichte Maradona die aufgeschlagene Zeitung, aber Maradona grinste Paulina nur selbstgefällig an: „Und?“, meinte er. „Eifersüchtig?“ „Wieso denn?“, gab Paulina zurück. „Was geht mich das an?“ In dem Moment kamen zwei ältere Frauen herein und Maradona war verschwunden. „Um Himmels willen!“, dachte Michael. „Wie kann man sich nur so blöde aufführen?!“ Aber er verstand eben – oder glaubte zu verstehen – was sich hier abspielte. Maradona kam aus einer Kultur, die dieses Macho-Gehabe tolerierte, sogar förderte. Vielleicht dachte er, dass es seinen Wert als Mann erhöhte, wenn Paulina sah, dass er auch bei anderen Frauen Chancen hatte. Vielleicht war er der Meinung, dass etwas Eifersucht das Salz in der Suppe war und dass er es dadurch bei Paulina leichter haben würde. Dass es sein konnte, dass es möglicherweise gar keinen Weg mehr zurückgab, war ihm bestimmt nicht bewusst.

Paulina blieb den ganzen Tag stumm wie ein Fisch. Während des Mittagessens sagte sie, sie hätte keinen Hunger und während des Abendessens, als das Café geschlossen hatte, putzte sie im Verkaufsraum die Fenster, bis Rudi dazukam, der knurrte, die Fenster wären blitzblank sauber. Paulina solle endlich ein Brot essen und ins Bett gehen, Donnerwetter. Sie sagte: „Ja, Papa“ und verschwand in ihrer Dachkammer. Michael brachte Paulina einen Teller Schinkenbrote und eine Flasche Apfelsaft hinauf. Er klopfte an ihre Tür und reichte ihr das Tablett hinein. „Danke“, murmelte sie. „Gute Nacht!“ „Gute Nacht!“

Am nächsten Morgen, als Rudi gegenüber am Kiosk seinen Kaffee trank, sortierte Paulina die unterschiedlichen Brötchen aus der Backstube in die geflochtenen Körbe. „Hast du auch schon mal gewünscht, du wärst weit weg?“, fragte sie Michael, ohne sich umzudrehen. Hast du eine Ahnung! dachte er und sagte: „Ja.“ „Und?“; fragte sie. „Bist du fortgegangen?“ „Manchmal muss man vielleicht fortgehen“, räumte er ein, so diplomatisch wie möglich. „Aber am Ende ist man doch immer man selbst, egal wo man ist, oder?“ „Ich kann ja auch Papa nicht allein lassen“, meinte sie zur Welt im Allgemeinen und brach in Tränen aus. Michael hatte plötzlich eine Mordswut auf Maradona. Als um 10.00 Uhr Maradona vorbeikam, war Paulina nicht im Verkaufsraum. „Womit kann ich dienen?“, fragte Michael. „Zwei Hörnchen. Ist Paulina nicht da?“ „Wer?“ „Fräulein Reus? Nicht da?“ „Nein.“ „Krank?“, wollte Maradona wissen. „2.60“, antwortete Michael. Maradona legte 3 Euro auf die Theke. „Rest kannst behalten.“ „Vergelt´s Gott!“, erwiderte Michael und warf 40 Cent in die Sammelbüchse für Tsunami-Opfer.

Noch einmal in dieser Woche kam Maradona vorbei, er legte ein kleines geschenkverpacktes Päckchen auf die Ladentheke und meinte bittend: „Guck mal…“ „Nein, danke!“ „Jetzt mach es doch wenigstens auf!“, rief Maradona empört, dem die Idee, sie könnte sein Geschenk noch in der Verpackung zurückweisen, gar nicht gekommen war. „Bist du taub, sag mal!“, fuhr Lukas dazwischen. „Führ dich hier bloß nicht auf, sonst bist du sofort rausgeflogen!“ Danach kam Maradona nicht mehr.

Am Sonntagabend saßen alle vor dem Fernseher und konnten deutlich und in Farbe sehen, dass Maradona gegen Merwingen, den vorletzten der Liga, drei Mal katastrophal daneben schoss, einen Fehlpass nach dem anderen einleitete, einen Einwurf so ungeschickt an den Gegenspieler vergab, dass er zu einem überraschenden Konter das 0:1 verursachte. Die Merwinger witterten Morgenluft, sie hatten seit drei Spielen nicht gewonnen und sich ursprünglich gegen die starken Bischofsgrüner keine Chancen ausgerechnet. Über die Außenmikrophone konnte man hören, wie Hallwang Maradona anbrüllte: „Für wen spielst du denn, Mann? Für die anderen?!“ Maradona versuchte sein Pech mit Einsatz wettzumachen; leider dergestalt, dass er den quirligen, gegnerischen Stürmer Kari Abu Lala an der Strafraumgrenze umsenste: Elfmeter für die anderen! Dass Merwingen gegen Bischofsgrün tatsächlich mit 2:0 aus dem Stadion ging, sorgte für tumultartige Empörung bei den Anhängern des 1. FC Bischofsgrün. Man sah noch, wie der Pulk Spieler auf dem Weg in die Katakomben mit Flaschen, Apfelbutzen, Kaffeebechern, alten Bananen beworfen wurde, sogar ein Stockschirm kam geflogen, bevor die Kamera abschwenkte und diesen Ort des Trauerspiels gnädig mit Dunkel verhüllte. Paulina saß auf dem Sofa, vollkommen erstarrt, aber Rudi stand auf, ging zum Telefon, wählte und sagte leise: „Margarita?“ und dann längere Zeit kein Wort mehr. —

Michael wartete auf dem Parkplatz vor dem Stadion lange auf Theo Hallwang, der als letzter vom Training kam, als ob er noch mit dem Trainer geredet hätte, im zügigen Schritt kam er auf den Wagen zu. Er trug die Sporttasche in der Hand, die Windjacke war geschlossen, die blonden Haare noch vom Duschen feucht. „Entschuldigung, Herr Hallwang, kann ich Sie kurz sprechen?“ „Worüber?“ „Maradona“, meinte Michael und sah ihn an. „Das ist kein Interview, es ist privat, Sie müssen ihm helfen. Nur Sie können es oder vielleicht der Trainer, aber den kenne ich nicht so gut.“ „Aber mich“, Theo lachte plötzlich. „Mich kennst du – oder was?“ „Auch nicht“, musste Michael zugeben. „Aber vielleicht etwas besser“, er fühlte, dass er verlegen war. „Na, das ist ja gediegen“ meinte Hallwang, öffnete mit einem Click den Wagen und sagte: „Steig ein! Also, sag „Halblang“ zu mir wie alle. Ich hab zwar keine Ahnung, wie ich Maradona helfen soll, aber wenn ich es kann, nichts lieber als das. Wer bist du überhaupt?“ „Michael Schütz, ich arbeite in der Bäckerei, in der Maradona immer seine Hörnchen kauft, also im Moment, meine ich, eigentlich bin ich Pianist, ist ja auch egal und…“ Hallwang legte den Kopf schief wie ein Zeisig und betrachtete Michael, als wäre ihm so ein Vogel noch nie untergekommen. Und die ganze Zeit durchströmte Michael das Gefühl einer unerwarteten Lebendigkeit, die er auch schon gespürt hatte, als er Theo Hallwang im Stadion gesehen hatte, als er gehört hatte, wie dieser Maradona anschrie und jetzt wieder. Michael spürte, dass Theo Hallwang ein sehr entschiedener Mensch war, diszipliniert, nüchtern, hingabebereit für seine Sache wie wenig andere und zusammen mit einem fast klösterlich Abgeschiedenen seines Wesens übte das einen merkwürdigen Reiz auf ihn aus. Er holte zwei Mal tief Luft und erzählte Hallwang die ganze Geschichte, der ihm still und konzentriert zuhörte. „Nichts gegen Maradona“, schloss Michael endlich. „Aber wenn er jetzt nicht die richtige Richtung einschlägt, kann seine Karriere abstürzen, wo sie doch gerade erst Fahrt aufnimmt. Die ausländerfeindlichen Hooligans mit ihren Sprüchen verletzen sein Selbstbewusstsein und dieses etwas naive Selbstbewusstsein ist bei ihm – im Moment noch – mehr als die Hälfte seines Erfolgs. Er ist eben auch nicht der Allerintellektuellste“, was Hallwang mit einem trockenen Lachen quittierte. „Und eure Paulina, will die ihn überhaupt?“, fragte Hallwang. „Ja“, erwiderte Michael. „ Aber sie ist ein Mädchen aus unserem Kulturkreis und keine Carmen, also braucht er sie auch nicht so angehen, dieser Hammel!“ „Äh… und du?“, erkundigte sich Hallwang nebenbei. „Wenn Maradona nicht wäre, würdest DU Paulina wollen?“ „Nein, ich nicht“, versicherte Michael und hielt Hallwangs Blick stand. „Ich bin außen vor, um mich geht es gar nicht.“ Aber Theo blieb seltsam hartnäckig. „Keine Freundin?“ „Nein.“ „Keinen Freund?“ „Nein, hatte ich mal, aber im Moment nicht.“ „So! Und warum arbeitest du in der Bäckerei, wo du doch Pianist bist?“ „Mensch“, Michael stöhnte scherzhaft. „Darum geht’s doch nicht. Interessiert dich das wirklich?“ „Ja.“ Hallwang sah Michael mit seinen hellen, blaugrauen Augen an. „Das interessiert mich wirklich.“

Als Halblang Michael vor der Bäckerei absetzte, schlug es gerade 16.00 Uhr. „Jetzt sag mal!“, beschwerte sich Linda, als er hereinkam. „Du hast Nerven, am heller lichten Tag fast vier Stunden lang abzuhauen! Wir haben uns Sorgen gemacht! Wo bist du so lange gewesen?“ „Keine Ahnung“, antwortet Michael perplex. „Wo die Zeit geblieben ist, ist mir ein Rätsel.“ —

Maradona kam auch in der kommenden Woche nicht vorbei, aber Rudi meinte Margarita etliches an Kuchen und Broten persönlich vorbeibringen zu müssen und das nahm fast den ganzen Abend in Anspruch. Er kam zwar genauso schweigsam wie immer, aber doch munter pfeifend, zurück. Am Sonntagabend sahen sich alle wieder die Sportschau an. Maradona erschien als zweiter auf dem Feld in der Startformation, er ging gerade und kraftvoll, stellte sich für das Mannschaftsfoto auf und zeigte danach sofort, dass er seine fünf Sinne fabelhaft beieinander hatte. Schon in der fünften Minute lieferte er durch eine zielgenau geschossene Ecke die Vorlage zum 1:0 gegen Grillsdorf und lief ab da zu voller Fahrt auf. Halblang hatte den Ball, aber der gegnerische Torwart kam direkt auf ihn zu, da gab Halblang an den mitgelaufenen Maradona ab, der in der 17. Minute umstandslos zum 2:0 einschoss. Alsdann zog der Torschütze ein weißes Geschirrtuch aus der Hosentasche, auf dem dick in roten Buchstaben stand: „Für Paulina!“ Und ein Herz. Paulina schrie auf und hielt sich die Hand vor den Mund. Das Fernsehen wiederholte dreimal Maradonas Tor und wie entschlossen er das Tuch mit der Liebeserklärung hochhielt. Danach sah man, wie die anderen Spieler Maradona gratulierten, Halblang zuerst, der ihn kurz umarmte. Einen Augenblick lang fing die Kamera Halblangs siegreiches Lachen auf und einen sehr persönlichen Blick, vor dem Michael schwindelte, so dass er aufstand, sich am Türrahmen festhielt und zur Welt im Allgemeinen sagte: „Ist eigentlich noch ein Bier da?“ —

Theo Hallwang besuchte Paulina und Maradona überraschend in der Bäckerei und Maradona, der die Stunden nach dem Training mit seiner frisch Verlobten verbrachte, geriet fast außer sich vor Freude. „Mann, das ist spitze, dass du herkommst, guck, das ist Paulina…“ Paulina begrüßte den Kapitän des 1. FCB und setzte sich an seinen Tisch, während Michael Kaffee und Kuchen brachte. Maradona führte das große und sehr begeisterte Wort, Paulina flocht die eine oder andere Bemerkung ein und wenn Halblangs Blick mitunter Michael mit einem unauffälligen Lächeln streifte, so merkte das bestimmt niemand. Nur später, als die Verlobten und Verliebten mit sich selbst beschäftigt waren, verflüchtigten sich Michael und Theo in den Park zu einem langen Spaziergang mit stundenlangen Gesprächen. „Ich glaub, ich hab die ganze Zeit geredet“, entschuldigte sich Michael, als sie sich verabschiedeten und ein sichelförmiger Mond schon hoch am Himmel der Sommernacht stand, es war Ende August. „Aber ich habe das Gefühl zum ersten Mal seit langem so mit einem Menschen reden zu können…“ „Vielleicht…“, gestand er „hatte ich es vorher überhaupt noch nie.“ „Geht mir genauso“, erwiderte Halblang und Michael kriegte vor Freude fast keine Luft mehr. „Aber eins sag ich dir gleich, was immer du dir einbildest: Mit mir wird es nicht gehen. Ich bin schwul, ja, aber ich werde es nicht leben, nicht heimlich und nicht öffentlich. Das hat mit meinem Job zu tun. Einen schwulen Kapitän würden sie nicht akzeptieren, niemals. Also ist das klar. Wenn du einen Freund suchst, suche dir jemand anderen.“ „Okay“, brachte Michael heraus, bevor Halblang umstandslos und noch schroffer als sonst ins Auto stieg und davon fuhr. „Okay“, wiederholte er zu der Dunkelheit in der Stille.

Aber die Sache war nicht ganz so einfach. Halblangs Nummer erschien immer öfter auf Michaels Handy, manchmal erschienen kryptische SMS: „Park Ulme halb zehn“ zum Beispiel und Michael schrieb ein „Okay“ zurück. Sie trafen sich nachts im Park wie verschiedene andere Liebespaare, sie wollten reden und für sich sein, während ein süchtig machendes, fahles Mondlicht ihnen die Nachtstunden stahl. Bald war es soweit, dass Michael spürte, dass er vor Halblang überhaupt keine Geheimnisse mehr hatte und diese große, gegenseitige Leidenschaft sich irgendwann Bahn brechen musste, komme, was da wolle. Auch Halblang schien es zu merken, denn er verteidigte seinen Entschluss mit Michael keine Liebesbeziehung einzugehen mit deutlichen, manchmal verletzenden Worten. „Nein, hör auf!“, schrie Michael. „Ich will es auch nicht! Wenn das, was uns verbindet nicht stark genug ist, alle Hindernisse zu überwinden, wenn es uns nicht wirklich bezwingt, dann taugt es nichts. Dann will ich es auch nicht haben, dann will ich dich auch nicht haben.“ Halblang war stehengeblieben und starrte ihn an. „Das weißt du genauso gut wie ich“, fuhr Michael fort. „Wir leben für unsere Bestimmung. Wenn du sie gefunden hast im Sport, gut, dann ist es für dich kein großes Opfer. Und ich will für dich kein fauler Kompromiss sein. Ich will nicht zwischen dir und dem Fußball stehen. Damit lassen wir es jetzt gut sein. War wirklich schön mit dir.“ Er wandte sich zum Gehen, kam aber nicht weit. Halblang hatte ihn eingefangen und drückte ihn fest an sich, erstaunlich WIE fest, wie stark er war. Michael fühlte ihn in seinen Muskeln bis in jede einzelne Faser, fühlte seinen Herzschlag in seinem Blut rauschen, fühlte ihn in seinen Knochen bis auf den Grund seiner Seele. „Ich will dich“, hörte er Halblangs Stimme wie ein gewaltiges Rauschen an seinem Ohr. „Solange ich am Leben bin, will ich dich. Immer.“ Seit dieser Umarmung rechneten sie zusammen. Und wenn auch noch alles heimlich war, lange würde das nicht mehr gehen.

Inzwischen wurde in der Bäckerei eine Doppelhochzeit vorbereitet. Nicht nur Paulina und Maradona, auch Rudi und Margarita waren sich einig. Der schweigsame Bäckermeister und die verwitwete Argentinierin hatten reibungsloser und stiller, aber nicht weniger glücklich als die beiden Jungen zu einander gefunden. Schließlich dachte Michael, würde Halblang es irgendwann auch vor der Mannschaft zugeben: „ Ich bin schwul und ziehe mit meinem Freund Michael Schütz zusammen. Hoffe mal, ihr werdet irgendwie fertig damit.“ So ein Spruch war ihm durchaus zuzutrauen. Michael lächelte. Er freut sich sehr auf die nächsten fünf Tage, wo sie ins Riesengebirge fahren und Bergwandern wollten. Vorher war Halblang noch zu seiner Tante gefahren, bei der er aufgewachsen war, um ihr von seinem neuen Freund zu erzählen. Anschließend wollte er ihn hier treffen, um ihm von der Reaktion seiner Tante zu berichten.

Michael sah auf die Uhr. Naja, der Verkehr von Frankfurt konnte an einem Wochentag schon zu Verzögerungen führen. Zwei Stunden später hatte er immer noch keine Nachricht von ihm. Vielleicht war das Gespräch nicht gut verlaufen und Halblang brauchte erstmal seine Ruhe. Geistesabwesend wischte Michael den Boden des Cafes und saß dann mit der Familie Reus um 20.00 Uhr vor dem Fernseher. Er hörte kaum hin, als von erneuten Bombenanschlägen im Nahen Osten berichtet wurde, aber übergangslos zeigte der Bildschirm einen total zerstörten, dunklen Wagen. „Der Kapitän des 1. FC Bischofsgrün Theo Hallwang ist auf der A8 von einem Schwertransport gerammt und zerquetscht worden. Der Ausnahmefußballer erlag noch am Unfallort seinen Verletzungen…“ Der Schlag kam zu schnell und war wie eine große Glocke, er dröhnte, Michael hörte ihn aber nicht. Er fühlte nur, dass alles ins Wanken geraten war und er nicht wusste, wie er aufstehen, wie er sitzenbleiben, wie er weiteratmen sollte. Sein Mund fühlte sich wund und trocken an, die Hand, die nach dem Bier greifen wollte, zitterte. Er hörte Paulinas Stimme, ihre Ungläubigkeit, ihr Klagen, sah wie Rudi sie in die Arme nahm und er, Michael saß da, wie fremd in seinen Kleidern. Immer noch am Leben. —

Am Vorabend der Hochzeit war Michael in den Park geflohen. Er kam sich noch fremder vor, als ohnehin in letzter Zeit. Regungslos saß er auf der Parkbank unter der großen Ulme, wo er sich immer mit Halblang getroffen hatte und ließ an diesem eher kühlen Tag Gesicht und Hände von der letzten Sonne durchwärmen. Man hatte ihn herzlich als Gast zur Doppelhochzeit eingeladen, zu absolutem Ehrengast zwar, aber er hatte abgelehnt. Die fröhlichen Menschen passten jetzt nicht in sein Leben. Er wollte allein sein. Als er aufsah, merkte er, wie ein Mann im offenen Mantel auf ihn zukam. Er ging langsam, vorsichtig. Michael hätte aufstehen und weggehen können, aber plötzlich ergab das keinen Sinn mehr. Schließlich setzte sich Harry Bodrum neben ihn auf die Bank. „Na, du…“, meinte Harry. „Deine Leute aus der Bäckerei haben mir gesagt, dass du hier bist.“ „Ist auch so. Wie geht’s dir, Harry? Was macht die Redaktion?“ „Ach, ich bin nicht mehr dort, habe gekündigt. Es war so, dass mir klar wurde, dass es dieses Geschreibsel auch nicht bringt. Ich muss jetzt mein Buch schreiben über die Kirchenmusik des Mittelalters. Keine Ahnung, ob das außer mir überhaupt noch einen Menschen interessiert, aber wenn ich es nicht so gut und gründlich bearbeite wie es geht, habe ich das sichere Gefühl, meine Zeit, mein Leben zu verschwenden. Jetzt geht es nicht mehr anders. Hat sich viel verändert in diesem Sommer.“ „Bei mir auch“, meinte Michael. „Ich habe jemanden geliebt“, sagte Harry. „Dann war es zu Ende – und nichts war mehr wie vorher.“ Harry sah ihn an und Michael hörte sich sagen, weil jetzt schon alles egal war: „Ich habe auch jemanden geliebt. Es war Theo Hallwang.“ „Was?! Du lieber Himmel!“, stotterte Harry entsetzt. „Oh, mein Gott!“ Er schlug die Hände vors Gesicht und war völlig fassungslos. Eine ganze Weile schwieg er, dann drückte er Michael die Hand. „Das tut mir so Leid für dich.“ „Ja, danke, aber wie du sagst: Es ist nichts mehr wie vorher. Ich kann nicht mehr lange in der Bäckerei bleiben, ich muss wieder zur Musik zurück, es lässt sich nicht mehr länger aufschieben. Aber es wird eine andere Art von Musik sein als die, die ich jemals gemacht habe, etwas mit Knetmaschinen und scheppernden Backblechen, ganz im Ernst.“ „Würde ich gerne hören“, erwiderte Harry, „Auch ganz im Ernst.“ Der Abend kam jetzt schneller, vom Wiesengrund stieg eine feuchte Kühle herauf und Harry knöpfte sich den Mantel zu. Er stand auf, streckte seine Hand aus und zog Michael hoch. „Lass uns irgendwo hingehen, wo wir etwas Vernünftiges zu essen kriegen und einen Wein.“ „Ja“, erwiderte Michael. „Ich kann jetzt einen Schnaps vertragen.“

Ein herbstlicher Wind wirbelte die Blätter zu ihren Füßen auf, ein großer, gutmütiger Hund rannte zweimal um sie herum und jagte schließlich dem Gummiball nach, den sein Besitzer geworfen hatte, aber die beiden Männer, die nach der nächsten Wegbiegung in das Schwarzgrün der nächtlichen Bäume verschwanden, drehten sich nicht mehr nach ihm um.

 

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Meine Zeit - Kurzgeschichte von Ruth Hanke
Meine Zeit

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