KURZGESCHICHTE: Ein besseres Leben

Die Gegend war nicht besonders. Vor 20 Jahren war sie noch besser gewesen. Es gab ein altes Kino, einen Supermarkt, an dem die Außenfassade abblätterte und ein paar Mietskasernen aus dem frühen 19. Jahrhundert, die schon viele Male renoviert worden waren und auch diese Erneuerungen gleichmütig überdauert hatten. Die Asphaltstraßen hatten ein paar Löcher, aber auch nicht so viel schlimmer als anderswo. Wenn man etwas aufpasste, konnte man schon noch darüber fahren. Über einen der ungekehrten Gehsteige ging sehr langsam ein alter Mann. Seine gebeugte Gestalt, das eisgraue Haar und das verwitterte, verbitterte Gesicht ließen ihn gut zehn Jahre älter erscheinen.

Er hieß Harald Herbholz, also nannten sie ihn „Kerbholz“, ein passender Name für einen Richter. Damals, als er noch aktiv im Dienst war, hatte er ihn so oft gehört, war auch selbst so oft damit angesprochen worden, dass es ihm manchmal passierte, dass er sogar mit „Kerbholz“ unterschrieb. Darauf angesprochen hatte er gebellt, dieser Buchstabe wäre ein „H“ und kein „K“ und ob sie, zum Donnerwetter, kein Deutsch könnten?! Das Gehen bereitete ihm Mühe und Schmerzen, seine Arthrose war in den letzten Jahren schlimmer geworden, aber als auch noch Krämpfe und anhaltende Schmerzen in Schüben dazu kamen, war er noch einmal zum Arzt gegangen und es hatte sich herausgestellt, dass er Multiple Sklerose hatte. Um die Türe der Mietskaserne aufzusperren, musste er die schwere Einkaufstasche abstellen. Schon als junger Jurist hatte er hier gewohnt. Später, als er geheiratet hatte, war er in die geräumigere, komfortablere Wohnung im ersten Stock gezogen, wo er die ersten Jahre seiner Ehe mit Frau und kleiner Tochter gewohnt hatte. Seine Frau und seine Tochter waren bei einem tragischen Autounfall ums Leben gekommen. Ein betrunkener Lastkraftwagenfahrer hatte an unübersichtlicher Stelle überholt und Haralds kleinen PKW frontal gerammt. Harald selbst war danach lange im Krankenhaus gewesen, er erinnerte sich nur noch dunkel und verschwommen an diese Zeit. Als er sich endlich mühevoll langsam wieder ins Leben zurückgetastet hatte, hatte er andere Sorgen gehabt als umzuziehen. Und so war er all die Jahre in der Mietswohnung im ersten Stock wohnen geblieben und hatte auch nicht viel verändert. Er tat seinen Dienst jahrein, jahraus und bemühte sich um Gerechtigkeit. Manchmal hatte er den schwarzen Verdacht, dass er selbst kaum noch etwas fühlte; es war wie eine Watteschicht um seine Seele.

Aber vor 21 Jahren war er zur Adventszeit über den Weihnachtsmarkt gegangen. Eigentlich wollte er dort gar nichts Besonderes, es war nur eine Abkürzung vom Landgericht zum Parkplatz, aber der Duft von gegrillten Bratwürsten erinnerte ihn an seinen Hunger und er kaufte ein paar Bratwürste mit Kraut und Brot. Es war eher eine Ahnung als ein Gefühl, dass ihm jemand den Geldbeutel aus der Hosentasche ziehen wollte, so plötzlich war Harald herumgeschnellt und hatte dem jungen den Arm auf den Rücken gedreht. Der Junge war noch keine zwölf Jahre alt, schon etliche Male aus dem Heim ausgerissen und als „Problemfall“ bekannt, jedenfalls sagte man ihm das auf dem Jugendamt, wo er ihn eigentlich hinbringen wollte. Aber wie sie da saßen im Büro des Sachbearbeiters und auf den Abteilungsleiter warteten, sah er den kleinen Kerl mit den tiefblauen Augen und wirbeligen, roten Haaren, der so gut ein heißes Bad gebrauchen konnte, genauer an. Plötzlich trieb ihn etwas hoch von seinem Plastikstuhl, ließ ihn den kleinen Kerl packen und mit ihm abhauen in die Dunkelheit. An diesem Abend, an dem er in seiner Küche Schweinekoteletts und Bratkartoffeln briet, um den Jungen damit zu füttern, als er zu seiner großen Freude eine Tafel Schokolade auftrieb und einen ziemlich alkoholischen Punsch braute, fühlte er sich zum ersten Mal wieder lebendig. Der Junge hieß Peter Ackermann, ein ganz normaler Name für einen ungewöhnlichen Burschen, das sah Harald gleich. Die Jahre im Heim und auf der Straße hatten ihn etwas trickreich gemacht, aber er hatte ein ansteckendes Lachen und konnte einen um den Verstand schwätzen. Harald genoss mehr als er sich eingestand, wie schön es war, wieder einen Menschen um sich zu haben und gemeinschaftliche Nähe zu fühlen. Harald hatte sich sehr ins Zeug gelegt, um Peter behalten zu dürfen, denn jetzt hatte alles wieder einen Sinn gehabt. In den Verhandlungspausen dachte er an Peters Hausaufgaben und was er für sie beide zum Abendessen machen würde. Manchmal rief er Peter am Nachmittag an, um zu verbieten, dass der zu viel fernsah oder um ihn noch schnell zum Supermarkt und zum Metzger zu schicken.
Langsam räumte er jetzt die gekauften Lebensmittel auf den Küchentisch. Heute Abend wollte er Peters Lieblingsessen machen: Hähnchen mit Steinpilz-Risotto. Dieses Gericht stand und fiel mit den Steinpilzen. Harald war richtig froh, dass er noch welche bekommen hatte. Er wollte sich gerade mit einem Bier ins Wohnzimmer setzen, um ein bisschen zu verschnaufen, als es unkonventionell an der Tür klopfte. Harald wusste, dass sich so immer sein langjähriger Freund Rainer aus dem ersten Stock bemerkbar machte.

„Wir haben eine Klingel!“, hatte Harald schon oft gesagt, worauf Rainer immer antwortete: „Hast mich ja auch so gehört.“ Heute sagte Harald: „Ach, du bist es!“, worauf Rainer genauso tiefsinnig antwortete: „So schaut ´s aus.“ Rainer Schreyvogel war klein und dick, trug ein Ungetüm von einer Brille, ohne die er überhaupt nichts sah. Seine Vorliebe für Großkariertes äußerte sich nur in Hemd und Fleece Jacke, aber nicht im Lebensstil. Rainer war Hausmeister. Er holte sich eben auch ein Bier aus dem Kühlschrank, als ob es sein eigener wäre und fragte, während er den Einkauf betrachtete: „Was gibt es denn Schönes zu essen?“ „Hähnchen mit Steinpilz Risotto“, erwiderte Harald und ganz unabsichtlich seufzte er ein bisschen.

„Peter will heute Abend kommen und vielleicht ergibt es sich, dass ich mit ihm einmal über diese… diese Poppy reden kann.“

„Seine Freundin?“, vergewisserte sich Rainer. „Wieso? Was willste denn da reden?“

Du hast ja wohl selbst gesehen, was das für eine ist!“, fauchte Harald.

„Nee…“, Rainer trank Bier. „Hab ich nicht gesehen. Was ist denn das für eine?“

„Die hat ein schwarzes Hemdchen an, bei dem man alles sieht, drei schwarze, durchsichtige Unterröcke und Netzstrümpfe und Springerstiefel… es ist doch klar, dass Peter und sie nicht zusammen passen!“

„Wie alt ist denn die kleine Lady?“, fragte Rainer.

„Neunzehn Jahre“, knirschte Harald.

„Aha – und Peter?“, wollte Rainer wissen.

„Wird in zwei Monaten dreiunddreißig.“

„Soso“, murmelte Rainer.

„Ja, eben!“, knurrte Harald. „Es kann sich nur um eine dumme, oberflächliche Sache handeln. Ich hab einfach Angst, dass sie vielleicht schwanger wird und dadurch eine Bindung erzwingt, die von sich aus nie und nimmer Bestand hätte.“

„Schau Mal“, meinte Rainer, der es sich im Ledersessel Harald gegenüber bequem gemacht hatte.

„Angenommen, er fällt mit ihr auf die Schnauze – na und?! Lernt nicht jeder ordentliche Mensch daraus, wenn er hinfällt und gescheiter wieder aufsteht? Du warst mit dir selber nie so zimperlich, nur Peter darf nichts passieren…“

„Ich weiß es nicht und werde es nie wissen“, unterbrach Harald kämpferisch „was seine ersten Lebensjahre im Heim und auf der Straße mit ihm gemacht haben. Wieviel Zeit er verloren hat, sich selbst ein BESSERES LEBEN zu schaffen, weil er nie die Chance dazu hatte. Verstehst du das nicht? Und jetzt, wo er sein Jura-Studium abgeschlossen hat und in dieser guten Kanzlei anfangen konnte und gut verdienen wird… kommt dieses ordinäre Weib dazwischen… ich sage dir, die falsche Frau kann einen gewaltig an der Karriere hindern.“ Rainer überlegte eine Weile.

„Nee, das verstehe ich nicht. Erstmal hat überhaupt nicht jeder alle Chancen, ich zum Beispiel hab nicht die Chance gehabt aufs Gymnasium zu gehen. Ich hab eine Lehre gemacht. Nachdem mein Vater gestorben ist, ist es bei uns um jede Mark gegangen, ich musste Geld verdienen und meiner Mutter bei den Geschwistern helfen. Dabei sind wir aber nie auf die Idee gekommen, dass wir es vielleicht „schlecht“ hätten, hab auch noch nie einen gefunden, der mir geholfen hat, mein Schicksal zu begreinen.“

„Das ist etwas anderes“, sagte Harald leise.

„Wenn es um Peter geht, ist es bei dir immer etwas anderes“, behauptete Rainer freundlich.

„Denn in Wirklichkeit hatte der Junge ein Schweineglück mit dir. Mit jeder Schwierigkeit ist er doch zu dir gerannt gekommen und du hast ihm nächtelang Nachhilfe gegeben, ihm mit deinem Insider Wissen und deinen Beziehungen geholfen und hast ihm den Unterhalt fürs Studium bezahlt – es gibt auch Studenten, die für ihr Studium arbeiten müssen. Alles gut und recht, aber jetzt muss auch Mal wieder Schluss sein. Der Mann ist mehr als erwachsen. Seit er Poppy in irgendeinem Club aufgegabelt hat, entwickelt er Mal ein BISSCHEN Eigeninitiative und Unternehmungsgeist; ist nicht verkehrt, Harald, ist nicht verkehrt. Er muss es schließlich selber wissen, mit wem er sich zusammentut… und selbst, wenn nicht: Wenn er zu dämlich ist, zu verhüten, dann hat er eben ein Kind, für das er sorgen muss, vielleicht kriegt er dadurch, was ihm noch fehlt.“

Harald sah zwischen seinen Knien hindurch und bedauerte nach einer Weile:

„Ich finde, dass du Peter nie ganz gerecht wirst.“

„Du doch auch nicht!“, gab Rainer zurück. „Das ist es doch, was ich die ganze Zeit sagen will: Trau ihm etwas zu! Der Junge ist nicht dumm. Und wenn er die junge Frau unbedingt haben will, wird er sich schon etwas dabei gedacht haben.“ –

Der Tisch war gedeckt und das Essen fertig, das Steinpilz Risotto duftete verführerisch mit dem großen, gefüllten Brathähnchen um die Wette und Harald freute sich nach diesem Tag rechtschaffen auf das gute Essen und auf Peter, als es an der Tür klingelte. Er war pünktlich, sehr gut! Harald band sich die Schürze ab und öffnete die Wohnungstür, vor der Peter stand, groß und schlank, der mit entschuldigendem Grinsen Poppy vor sich in die Türe schob. „Guten Abend, Onkel Harald. Ich hab Poppy so sehr von deinem Brathähnchen vorgeschwärmt, dass sie es auch unbedingt probieren wollte. Es reicht doch für drei, oder?“

„Sicher“, erwiderte Harald, der sich bemühte, sich seine Versteinerung nicht anmerken zu lassen. Er gab Poppy die Hand und aktivierte ein Notfall-Lächeln. „Sehr schön“, log er.

„Ich freue mich.“

Peter sah natürlich wieder sehr gut aus. An diesem Abend im November trug er zu einer dunklen Hose im Casual-Look ein cremefarbiges Hemd aus fließendem, weichen Stoff, darüber einen Cashmere-Pullover in einem aufregendem Weinrot. Die teure Lederjacke war vielleicht etwas zu selbstbewusst, stand ihm aber, der ungewöhnliche Aubergine-Ton passte wunderbar zu dem naturroten Haar und den tiefblauen Augen. Harald betrachtete ihn zufrieden. Dagegen hatte Poppy ihre Beine in Netzstümpfe und den Po in einem kurzen Rock verpackt, sie trug wieder diese nicht allzu sauberen Springerstiefel, vielleicht waren das die einzigen Schuhe, die sie besaß. Harald musste sich richtig überwinden, ihr Gesicht anzusehen, das sie bisher jedes Mal in besonders schrillen und unvorteilhaften Makeup-Farben angestrichen hatte, richtig: Diesmal war es eine Verwüstung in Grüntönen. Ihre schwarzen Haare standen wild nach allen Seiten ab wie bei einem genmanipulierten Igel, der auf einmal viel längere Stacheln hatte; ein Kunststück, das Poppy offenbar mit einem besonders betonähnlichem Styling-Schaum zu Stande gebracht hatte. Noch bis in die Haarspitzen lag das Zeug dick wie Zuckerpaste über den einzelnen starren Stacheln. Passend dazu waren die Nägel pechschwarz lackiert. Bei all diesen Mitteln, die sie im Übermaß angewendet hatte, war es kein Wunder, dass sie stark nach Lösungsmitteln roch.

Die dunklen Tollkirschenaugen und der olivfarbene Hautunterton erweckten in Harald den Verdacht, dass Poppy irgendwie von Sinti oder Roma abstammte.

„Sie wohnen bei Ihrer Großmutter, hat mir Peter erzählt“, fragte Harald, während er eine Hähnchenkeule zerschnitt. „Haben Sie noch mehr Familie in der Gegend?“

„Nein, meine Großmutter ist eine Roma, sie ist von ihrer Familie weggegangen, um bei meiner Mutter zu bleiben, die sich in einen Deutschen, meinen Vater, verliebt hat. Mein Vater ist mit einer anderen Frau verheiratet. Ich war aber noch ein Baby, als meine Mutter an einer Embolie starb, meine Großmutter hat mich aufgezogen.“

„Aha“, krächzte Harald.

„Die alte Dame kann hellsehen“, erzählte Peter. „Nein, ganz im Ernst! Sie ist besser als das Orakel von Delphi. Mir hat sie eine große Veränderung in meinen Lebensumständen vorausgesagt.“ Peter lachte und sah dann mit einem Grinsen zu Harald hinüber, das zu offensichtlich spöttisch war, als dass ihm hätte gefallen können.

„Ich arbeite als Friseurin“, erklärte Poppy stolz. „In einem künstlerischen Friseursalon in der Innenstadt, heißt: „Bad Hair“.

„Bad Hair?“, fragte Harald ungläubig.

„Ja!“, lachte Poppy. „Lustig, nicht? Ich würde für Peter ja auch eine ganz tolle Frisur entwerfen“, bot sie an. „Aber ich glaube, er will nicht.“

„Ich bin eben ein bisschen spießig“, grinste Peter. „Vielleicht gibt sich das mit der Zeit.“

„Und Ihnen, Fräulein Poppy, was hat Ihnen Ihre Großmutter vorhergesagt?“, fragte Harald jetzt.

„Auch was Gutes!“, strahlte Poppy. „Ich werde erst einen kurzen Kummer, aber dann ein großes Glück erleben, ein Glück, das auch mit Reichtum verbunden ist. Ich werde mehr als neunzig Jahre alt und vier Kinder werde ich haben: Alle stark und gesund!“

Das fand Peter offenbar ziemlich erheiternd, denn er lachte und lachte, dass man alle seine weißen Zähne sah. –

Endlich hatte Peter Poppy in ein Taxi verfrachtet und saß Harald in dem schwarzen Ledersessel gegenüber mit einem Cognac in der Hand.

„Komm, sei nicht sauer“, bat Peter jetzt mit weicherer Stimme, als die ganze Zeit vorher.

„Ich hab Poppy jetzt eben, werde irgendwie fertig damit! Das muss uns doch nicht stören, oder?“ Harald sah ihn an und konnte sich, wie so oft in letzter Zeit, des zwiespältigen Gefühls nicht erwehren, das ihn in Peters Gegenwart überkam.

„Wie weit ist denn das mit euch?“ fragte er. „Hast du etwas Ernstes mit ihr vor?“

„Ziemlich ernst, ja“, gab Peter zu.

„Um Himmels willen!“, rutschte es Harald heraus, der sich eigentlich vorgenommen hatte, sich zurück zu halten.

„Überstürze nichts! Was willst du eigentlich von diesem jungen Huhn?“

Peter verschränkte die Hände im Nacken. „Poppy hat sowas Wildes und Geheimnisvolles, das gefällt mir eben.“ Fast schmerzhaft empfand Harald in Peters flirrenden Veilchenaugen und der lasziven Kopfhaltung Unberechenbarkeit, vielleicht war das nur für ihn selbst so, denn das war ja das Schlimme: Dass er inzwischen bald nicht mehr wusste: War Peter so – am Ende sogar schon immer so gewesen oder interpretierte Harald das nur in ihn hinein? Er erschrak. Dachte er, Harald, denn wirklich von Peter, den er so tief in sein Herz und Leben hineingelassen hatte, dass er unberechenbar und lasziv war oder hielt er nur die längst fällige Ablösung von ihm nicht aus? Vielleicht war Poppy nur das Zeichen, dass Peter endlich erwachsen war und seine eigenen Entschlüsse traf? Und er, Harald sah in diesem harmlosen, jungen Geschöpf ein Menetekel, den Finger an der Wand Nebukadnezars, ein Vorzeichen des Untergangs, der Peter und ihn und alle ins Verderben reißen würde? Seltsam.

„Wie läuft es denn in der Kanzlei?“, fragte Harald jetzt. Dass Peter nach dem Abschluss seines Jura-Studiums in die renommierte Kanzlei „Birkenwald & Stein“ aufgenommen worden war, wenn auch vorerst in untergeordneter Stellung, erfüllte Harald immer noch mit Stolz. Peter zündete sich eine Zigarette an. Tief atmete er den Rauch ein mit solcher Konzentration, dass sich eine steile Falte über der Nasenwurzel bildete. „Geht schon!“, meinte er schließlich, als Harald schon glaubte, sein Adoptivsohn würde gar nicht mehr antworten.

„Geht schon!“, wiederholte er. „Nichts Neues!“ –

Ob er sich das alles nur einbildete, wusste Harald freilich nicht, der in seinem Traum über einen dunklen Friedhof stolperte, in offene Gräber sah und hineinzufallen drohte. Als er in dieser Nacht Schweiß gebadet aufwachte, war es genauso dunkel wie in seinem Traum. Er stand auf und hastete ziellos in der Wohnung herum, suchte den Lichtschalter und fand ihn nicht, den Lichtschalter in seinem Wohnzimmer, in dem er seit Jahrzehnten wohnte.

Am Morgen duschte er lange und ging aus dem Haus wie früher, aber schon nach ein paar Metern hatte er sein Ziel erreicht. Er betrat das „Café 14“ (14 war einfach die Hausnummer) und bestellte ein Frühstück. „Kaffee!“, rief er der Bedienung zu. „Und zwei Rühreier mit Schinken, Brötchen mit Marmelade“ „Orangensaft?“, fragte der Türke mit dem gestreiften Käppi. „Ja!“ Harald setzte sich und schlug die Zeitung auf. Darin stand auch nichts Gescheites. Das war wahrscheinlich das ganze Unglück des Alters, dass man genug Zeit hatte, die Zeitung zu lesen. Der plötzliche Tod von Ägidius von Stieglitz wurde natürlich gebührend ausgeführt. Der 72-jährige Multimillionär war überraschend, wenige Monate nach dem Tod seiner Frau Frieda an einem Herzinfarkt gestorben. Am Abend war er noch in der Hauptverwaltung gewesen, hatte sich noch von seinen Söhnen, dem 36-jährigen Alexander und dem 28-jährigen Dieter verabschiedet, als diese nach Hause gingen. Erst Stunden später, als die Haushälterin beunruhigt den Sicherheitsdienst anrief, fand man den Toten leblos an seinem Schreibtisch sitzen.

„Aber es hat ihm doch nie etwas gefehlt“, klagte der jüngere Sohn. „Er wurde doch immer ärztlich überwacht, wie kann das sein?“

„Seit dem Tod unserer Mutter war er nicht mehr derselbe“, steuerte der Ältere bei, allem Anschein nach völlig zermürbt von Trauer und Schock: „Er muss aus Kummer gestorben sein.“

Um Ägidius war es wirklich schade, dachte Harald, das war ein prima Kerl gewesen, soweit er ihn gekannt hatte und so furchtbar gut hatte er ihn ja nicht gekannt. Genauer gesagt hatte er den schon damals schwerreichen Besitzer einer Supermarktkette vor Gericht getroffen. Ägidius von Stieglitz hatte einen arbeitslosen Gärtner zusammengeschlagen, der seinen Hund verprügelt hatte. Gleich zu Anfang, als er die Sitzung eröffnete, war es ihm etwas auf die Nerven gegangen, dass Ägidius sofort das Wort ergriff, ohne es überhaupt erteilt bekommen zu haben. Er forderte lautstark, unbedingt so wie jeder andere behandelt zu werden. Als ob Harald das Gegenteil auch nur gedanklich in Erwägung gezogen hätte!

„Ist gut jetzt, Herr Angeklagter!“, hatte Harald erwidert. „Lassen Sie den Staatsanwalt erst die Anklage vorlesen. Setzen Sie sich!“

„Aber ich bekenne mich schuldig!“, hatte Ägidius geschrien. „Sie brauchen den ganzen Brimborium doch nicht abzuziehen!“

„Setzen!“

„Aber, Mann, das ist doch alles das Geld des Steuerzahlers!“

„Das reicht jetzt!“, hatte Harald geknurrt. „200 Euro Ordnungsstrafe wegen Missachtung des Gerichts!“

„Zahl ich! Zahl ich!“, schrie Ägidius begeistert. „Aber ich verlange, dass die Ordnungsstrafe dem Tierschutz zu Gute kommt!“

„Herr Angeklagter! Wenn Sie noch einmal den Mund aufmachen, ohne von mir dazu aufgefordert zu sein, lasse ich Sie aus dem Saal entfernen und wir verhandeln diese Sache ohne Sie!“

„Ja, Euer Ehren“; hatte Ägidius Anwalt mit hochrotem Kopf geantwortet und seinen Klienten angezischt, dass sich dieser hinsetzen sollte.

Am Ende der Verhandlung waren damals für den Angeklagten 800 Euro Ordnungsstrafe, 5000 Euro Schmerzensgeld zahlbar an den Kläger angelaufen, sowie die Kosten des Verfahrens. Dem Kläger wurde eine Entziehungskur in einer geschlossenen Alkoholiker-Klinik wärmstens ans Herz gelegt, in diesem Fall wollte Ägidius auf eine Klage wegen wiederholter Tierquälerei verzichten.

Ein Jahr später stand Harald bei der Einweihung der neuen Feuerwehr zufällig neben Ägidius. „Na, wie geht’s?“, fragte dieser.

„Gut!“, meinte Harald.

„Wollen Sie wissen, was aus unserem Alkoholiker geworden ist? Der ist inzwischen trocken, hab ihn als Gärtner eingestellt.“

„Und?“, erkundigte sich Harald. „Sind Sie zufrieden mit ihm?“

„Doch, ja, naja, manchmal übertreibt er es schon arg. Meine Hecke sieht aus wie ausgefranzt, aber er weigert sich, sie zu schneiden. Das geht erst im Herbst wieder, sagt er, da brüten gerade die Meisen.“ Harald lachte. „Auch der Tierschutz hat seine zwei Seiten.“

Als Harald von der Zeitung aufsah, bemerkte er, dass ihm schräg gegenüber am Ende des Raumes mit dem Rücken zur Wand eine alte Frau an einem kleinen Tisch saß. Sie war in stumpfes Schwarz gehüllt, auch über dem grauen Haar trug sie ein schwarzes Tuch. Unverwandt ruhten ihre dunklen Tollkirschenaugen auf ihm und er erschrak plötzlich, als hätte er etwas zu verbergen. Obwohl er die Frau definitiv noch nie gesehen hatte, war ihm, als müsste er sie kennen. Ärgerlich nahm er sich vor, diesem Blick nicht auszuweichen, konnte den brennenden Augen aber nicht standhalten. Gemäß seinem Naturell einem Problem nicht auszuweichen, stand er plötzlich auf und ging auf sie zu.

„Darf ich die Dame um ihre Gesellschaft bitten? Kommen Sie an meinen Tisch, Seien Sie mein Gast!“ Die Alte erhob sich langsam, ohne zu lächeln. Damit, dass er ihr an seinem Tisch den Stuhl zurechtrücken wollte, konnte sie offenbar nichts anfangen. „Was darf ich Ihnen bestellen?“ Die alte Frau antwortete nicht und er fragte sich, ob sie überhaupt deutsch verstünde. Er bestellte Wasser, Kirschkuchen und 2 Irisch Coffee. Sie sagte noch immer nichts und Harald fragte sich, ob sie vielleicht sogar stumm wäre. Schließlich nahm sie ein altes Medaillon aus der Rocktasche, das an einer dünnen, goldenen Kette befestigt war. Den goldenen Deckel zierte eine Rose aus winzigen Rubinen. Sie nahm seine Hand und legte das Medaillon hinein. Er war zu überrascht, um etwas zu sagen, unwillkürlich öffnete er das Schmuckstück und sah das Bild eines dunkelhaarigen Mädchens, das ihm entfernt bekannt vorkam. Wieder hatte er das unangenehme Gefühl auf der Leitung zu sitzen. „Wer ist das?“, fragte er.

„Paulina Mendez“, antwortete die Alte rau. „Ich habe geträumt…“, erzählte sie stockend. „Sie werden ihr helfen. Ich habe nur noch dieses eine Enkelkind, nur noch sie…“

„Sagen Sie…“, Harald beugte sich vor. „Sind Sie Poppys Großmutter?“ Die Alte nickte. Zum Glück wurden jetzt die Kuchen und Irisch Coffee serviert, zum Glück nahm die Alte einen zweiten Irisch Coffee an und danach einen Cognac, während sie Harald ihr abenteuerliches Leben erzählte. Dass ihre Tochter ihre Familie verlassen hatte, um einen Deutschen zu lieben, hatte ihr fast das Herz gebrochen. „Bei uns gibt es ein Sprichwort: Eine Frau, die einen Fremden liebt, ist wie eine Taube, die auf einer Rasierklinge landet: Ihre Füße bluten und sie findet keinen Halt.“ Und darum, dass ihre Tochter das unvermeidliche Elend nicht allein durchstehen musste, war die alte Frau mit ihr in Deutschland geblieben, in einer Wohnung, die der Deutsche bezahlt hatte. Die junge Frau führte das unwürdige Dasein einer Dauergeliebten, denn der Mann war verheiratet, hatte zwei Söhne und um seinen Ruf und seine Ehe Angst. Auch als sie schwanger wurde, wollte der Mann sich nicht offiziell zu seinem Kind bekennen. Die Tochter der alten Frau starb an einer Embolie, als Poppy drei Monate alt war.

„Und?“, fragte Harald. „Hat sich Poppys Vater um sein Kind gekümmert?“ Die Alte schüttelte den Kopf.

„Gezahlt hat er, das ja, hat immer Geld überwiesen, gesehen hab ich ihn nur zweimal, er wollte seinen richtigen Namen nicht nennen. Ein Vater…“ meinte sie traurig, „… ist aber etwas anderes.“ Die Alte gestand, dass sie all die Jahre die Hoffnung gehabt hatte, dass Poppy einen Mann ihres eigenen Volkes heiraten würde und daher mit Poppys Beziehung zu Peter gar nicht glücklich war.

Und jetzt hätte sie seit einiger Zeit so düstere Vorahnungen, die ihr keine Ruhe ließen, nämlich, dass Poppy etwas zustoßen könnte. Heute Nacht hätte sie geträumt, dass er, Harald Herbholz, Poppy helfen könnte.

„Ich wüsste nicht, wie“, erwiderte Harald. „ich habe Poppy bisher erst ein paar Mal gesehen, aber wenn ich kann, helfe ich ihr natürlich gerne.“ –

Als sich Harald nach diesem denkwürdigen Frühstück auf den Heimweg machte, war ihm, als hätte er einen schwierigen Auftrag übernommen, der auf ihm lastete. Dabei sah er überhaupt nicht klar. Alles schwamm im Nebel. Im Grunde ärgerte er sich, dass er jetzt Poppys Großmutter kennen gelernt hatte, die keineswegs auf Teufel komm raus ihr Enkelkind mit Peter zusammenbringen wollte, die weder geldgierig noch berechnend war. Immer, wenn man die andere Seite kennenlernte, war es viel schwieriger als zuvor über jemanden ein zackiges Urteil zu fällen, der einem im Wege war. Das war ihm schon oft aufgefallen.

Noch etwas anderes bohrte tiefer und schmerzhafter, als er wollte im Untergrund seines Empfindens: Poppys Großmutter war alt, ja, richtig alt, litt sehr unter Heimweh nach ihrer Familie, sie hatte nur noch Poppy und doch, DIE hatte sie wenigstens. Die Angst, dass die junge Frau ihre eigenen Wege gehen und die alte Großmutter verlassen könnte, war nicht einmal ansatzweise angeklungen. Poppys Großmutter hatte Angst um die Enkeltochter, aber Angst vor der Einsamkeit hatte sie nicht. Dabei hatte sie doch nur diesen einen – wie Harald bisher gefunden hatte – ziemlich albernen Menschen.

„Und ich?“, fragte Harald sich jetzt. „Aber um mich geht’s ja nicht. Es geht um Peter, er soll ein besseres Leben haben.“ Ja, das war all die Jahre seine Motivation gewesen, aber hatte er sich insgeheim nicht doch noch etwas anderes erhofft? In der Zeit, als Peter noch bei ihm wohnte, hatten ihn alle Höhen und Tiefen der täglichen Gemeinschaft von solchen Gedanken abgehalten. Aber jetzt, wo er allein war? Denn allein war er, trotz seiner Freundschaft mit Rainer, trotz Peters sporadischer Besuche: Er war allein.

Alexander und Dieter von Stieglitz hatten jeder den Brief zu Ende gelesen, den der Anwalt ihnen ausgehändigt hatte und sahen sich an. Der Ältere sah gefasster aus, als er auf den Jüngeren zuging.

„Es ist unvorstellbar, Dieter“, sagte er. „Dass er uns das nicht gesagt hat! Wie kann man das verschweigen! Ich werde es im Leben nicht mehr verstehen!“ Der Jüngere sah völlig schockiert aus. „WARUM?! Wir haben eine Schwester, eine richtige, lebendige Schwester und er sagts uns nicht! Die ganzen Jahre haben wir nichts gewusst von ihr.“ Der Anwalt räusperte sich. „Wenn Sie… äh… wegen des Erbes das Testament anfechten wollen oder einen juristischen Beistand brauchen, stehen wir Ihnen natürlich gerne zur Verfügung.“ Alexander sah den Anwalt an, als hätte er ihn nie zuvor gesehen.

„Ist es denn zu fassen?!! Nein, wir wollen keinen Rat und auch nichts anfechten. Wir wollen eine Adresse. Bitte!“ und wie ein leises Echo wiederholte Dieter: „Bitte!“ Der Anwalt schloss erneut den Safe auf und entnahm ihm einen Umschlag, den er Alexander aushändigte. Daraufhin verabschiedeten sich die Brüder von ihrem Familienanwalt und verließen die Kanzlei. –

Schneefall hatten die Nachrichten gemeldet und einen kalten Nordostwind und damit auch nicht übertrieben, dachte Harald, der am Abend desselben Tages am Bahnsteig 1 in Bischofsgrün stand und auf den Vorortzug wartete. Er war beim Arzt gewesen, hatte lange warten müssen und war daher jetzt in den Vorabendverkehr gekommen, etwas, was er hasste. Dicht gedrängt standen die Pendler am Schienenrand, jeden Moment musste der Zug – immerhin schon wieder 14 Minuten Verspätung – angekündigt werden, als er fühlte, wie ihm jemand von hinten die Augen zuhielt. „Wer bin ich?“, fragte eine hohe Stimme. Als er sich umdrehte, sah er in Poppys lachendes Gesicht. Sie trug eine gescheckte Jacke aus unechtem Pelz, die Kapuze bedeckte ihr dunkles Haar, Schneeflocken schmolzen auf ihren Ponyfransen.

„Da hab ich aber Glück gehabt!“, plauderte sie drauf los. „Ich bin wie immer hundert Jahre zu spät, aber diesmal – hihi – ist der Zug noch später dran als ich…“

„Achtung! Achtung! Es fährt ein Regionalbahn von Bischofsgrün nach Unterblauersbach über Rotreitershof, Gelbersquell und Oberweissenbrunn, bitte zurücktreten!“ Leider taten das viele Menschen nicht, zurückzutreten, sondern sie beugten sich vor, um zu sehen, ob endlich der Zug um die Ecke kam. Auch Poppy beugte sich vor, die plötzlich von hinten einen brutalen Stoß erhielt und auf die Gleise fiel. Da kam der Zug. Harald beugte sich tief hinunter und bekam Poppys Arm zu fassen, sofort schlang sich ihre Hand um sein Handgelenk. Sie war unerwartet schwer, er zog sie mit aller Kraft nach oben, zu der er fähig war. Er spürte das Krachen im Kreuz und brach in die Knie, Poppy war immer noch nicht oben. Endlich kriegte er sie unter den Armen zu fassen, hörte das Schnaufen des Zuges und wuchtete sie mit letzter Kraft zu sich auf den Bahnsteig.

„Onkel Harald, mich hat jemand gestoßen!“, brachte sie heraus, während die Leute in erstaunlicher Gleichgültigkeit um sie herumgingen und in den Zug drängten.

„Meinst du… das soll ein Spaß sein?“, stotterte Poppy, leichenblass um die Nase.

„Nein!“, er half ihr auf. „Das meine ich nicht!“ Er schleppte die verstörte Poppy hinter sich her zum Bahnhofsvorplatz, wo er mit ihr ein Taxi bestieg. Aus dem Taxi telefonierte er mit Rainer.

„Es ist etwas passiert: Ein Mordanschlag auf Poppy! Bitte, du musst für heute Nacht Poppy bei einer Schwester von dir unterbringen, sag NIEMANDEM, wo sie ist, auch mir nicht! Sie muss in völliger Sicherheit sein. Was? Natürlich! Natürlich gehe ich zur Polizei, was? Nein, Poppy nicht! Wir sind jetzt mit dem Taxi unterwegs zu dir, dann steigst du ein und bringst sie in Sicherheit und ich gehe zur Polizei, okay?“ Poppy zog ihr Handy aus der Tasche. „Ich ruf schnell meine Oma an…“ „Nein“, Harald nahm ihr das Handy ab. „Mit dem Handy kannst du geortet werden. Ich werde deiner Oma Bescheid sagen. Du musst mir jetzt unbedingt vertrauen, Poppy!“ „Aber Peter…“ „Peter übernehme ich. Niemand, absolut NIEMAND darf wissen, wo du bist! Jemand will dich umbringen!“, beschwor er sie. „Aber warum?“ wollte sie wissen. „Das muss so ein Irrer sein.“ „Weiß ich nicht!“, knurrte Harald. „Aber ich will, dass du am Leben bleibst! Ich habs deiner Oma versprochen!“ „Meine Oma war bei dir?“, fragte sie. „Ja, äh, sozusagen. Mein Freund Rainer wird dich in Sicherheit bringen. Versprich mir, dass du ihm aufs Wort folgen wirst.“ Poppy versprach es. Nachdem Harald Poppy an Rainer übergeben hatte, der schon am Ulmenweg unten wartete, und nun statt Harald in das Taxi stieg, bestellte sich Harald von seiner Wohnung aus ein zweites Taxi und fuhr ins Polizeipräsidium. Er rief von unterwegs aus Kommissar Andreas Anders an, den er noch gut aus seiner aktiven Zeit als Richter kannte. Zu seiner maßlosen Erleichterung bekam er Andreas an die Strippe, der gerade seinen Dienst beenden wollte, aber zusagte, länger zu bleiben und ihn erwartete. Mit schweren, schleppenden Schritten quälte sich Harald die Stufen zum Polizeipräsidium hinauf. Sein Bein schmerzte wie verrückt, das war jetzt egal. Als er die Tür zum Büro von Dr. Andreas Anders öffnete und den fast 2 Meter großen Kommissar begrüßte, der ihm herzlich die Hand schüttelte und Getränke anbot, atmete er auf. Die Hauptsache war, dass ihm jemand Glauben schenken würde, ein Kluger und Fachkundiger wie Andreas. Und der würde ihm glauben, das war das Gute. –

Am Abend, als er allein in seiner Wohnung war, rief er Poppys Großmutter an und erzählte ihr den Vorfall. Sie war äußerst bestürzt.

„Wo ist mein Kind jetzt? Ist ihr etwas passiert?“ „Nein“, versuchte Harald sie zu beruhigen. „Nur leichte Verletzungen. Ich hab sie ins Krankenhaus gebracht, in die Abteilung für innere Krankheiten. Dort wollen sie sie heute Nacht zur Beobachtung dabehalten. Wenn alles in Ordnung ist, wird sie morgen früh entlassen.“

„Ist sie da sicher?“, fragte die alte Frau. „Ja“, erwiderte Harald. „Sie ist in Sicherheit.“

„Ich werde sie sofort anrufen“, erklärte die Oma.

„Nein“, meinte Harald. „Sie haben ihr ein Beruhigungsmittel gegeben, Poppy schläft jetzt.“

„Heute waren zwei junge Männer da…“, erzählte die Großmutter. „… heißen Alexander und Dieter von Stieglitz und haben behauptet, Poppy wäre ihre Schwester, Halbschwester und wollen sie kennenlernen. Ich hab ihnen gesagt, wo sie arbeitet.“

„Stieglitz!“, rief Harald. „Wenn das wahr wäre, dann hätte Poppy mit einem Schlag einen Haufen Geld geerbt. Meinen Sie… diese beiden Burschen wollen Poppy umbringen?“

„Nein“, erwiderte die Alte. „… dachte ich nicht. Aber wer sollte Poppy überhaupt umbringen wollen? Ein lieberes Mädchen gibt’s doch gar nicht.“

„Haben Sie“, erkundigte sich Harald. „… eine Telefonnummer von den Brüdern von Stieglitz?“

„Ja, sie haben eine Karte dagelassen.“ Harald zog sein Notizbuch heraus. „So! Jetzt habe ich einen Stift. Ich höre!“

Er notierte sich die Nummer und rief Alexander von Stieglitz an, um ihm zu eröffnen, dass auf seine Halbschwester Poppy ein Anschlag verübt worden war und sie jetzt im Krankenhaus läge, Abteilung Innere Krankheiten, Zimmer 314.

Danach zündete er sich eine Pfeife an. Eigentlich konnte er jetzt ins Bett gehen, er wartete ja auf niemanden. Er konnte auch einen sinnlosen Telefonanruf tätigen und noch einmal Andreas Anders anrufen, er konnte es auch bleiben lassen.

Um 21.53 Uhr klopfte es noch an der Tür. Harald öffnete, um Rainer hereinzulassen, aber es war Peter, der ihn herzlich umarmte. Er schüttelte sich wie ein nasser Hund, als er seinen Mantel aufhängte. „Ein Sauwetter ist das! Ich war eigentlich mit Poppy in diesem neuen argentinischen Restaurant verabredet, aber sie ist nicht gekommen. Hab ich mein Steak eben allein gegessen, sie vergisst ja andauernd etwas. Hab ich gedacht, ich schau mal bei dir vorbei, wie wärs mit Schach?“

„Hör zu“, klärte Harald ihn auf. „Auf Poppy ist ein Anschlag verübt worden.“ Harald erzählte die Begebenheit am Bahnsteig und dann auch ihm, wie er es Andreas versprochen hatte, die Version Krankenhaus.

„Okay“, meinte Peter. „Da hole ich sie dann morgen ab. Meinst du, es hätte jemand auf POPPY abgesehen? Das war bestimmt so ein Geisteskranker, wer sollte denn Poppy umbringen wollen?“ Peter sah Harald an, aber der antwortete nicht, sondern baute nachdenklich das Schachbrett auf. Ihm lag auf der Zunge die Brüder von Stieglitz zu erwähnen, aber dann tat er es doch nicht. –

In dieser Nacht fand Harald keine Ruhe. Ihm war, als ob alle guten und bösen Geister um ihn schwebten, bereit zu retten oder zu verderben und es lag nicht in seiner Hand, welche Mächte dazu letztlich den Ausschlag gaben. Mit der einen Hand hielt er das goldene Medaillon umschlossen, das Poppys Großmutter ihm gegeben hatte, als ob er durch die Wärme seines Blutes der jungen Frau Kraft und Geborgenheit zukommen lassen wollte; die andere lag auf dem Gebetbuch seiner Mutter. Er wollte gerne beten und fand keine Worte außer der demütigen Bitte, Gott möchte alles gut machen und Poppy am Leben erhalten. Erst in den Morgenstunden fiel er in einen unruhigen Schlaf. –

Um 9.00 Uhr stand er unrasiert und übernächtigt in der Küche und trank einen ersten Kaffee, als es an der Tür klingelte. Es war Andreas Anders, der auch gleich hereinkam und einen Kaffee annahm. „Alles okay?“, fragte Harald heiser. „Geht’s Poppy gut?“ „Ja“, antwortete Andreas. „Sie ist außer Gefahr, jetzt ist sie wieder bei ihrer Oma, hat sich heute frei genommen. Wenn du nicht so rasch und clever gehandelt hättest, wäre diese Sache dreimal anders ausgegangen, das sag ich dir!“ Andreas stand auf, nahm die Cognacflasche, die noch von gestern Abend hier herumstand und goss einen Schluck davon in Haralds Tasse, der ihn fragend anguckte.

„Also wir…“, Andreas betrachtete seine Schuhspitzen „… wir haben in das Krankenhausbett Zimmer 314 eine Kollegin von der Sitte gelegt, die Poppy oberflächlich ähnlich sieht, aber keineswegs betäubt war und auch nicht geschlafen hat und haben abgewartet. Um 0.23 Uhr kam jemand im weißen Kittel eines Krankenpflegers herein, der versucht hat, Poppy mit einer Insulinspritze umzubringen. Hat aber nicht geklappt. Die Kollegen haben ihn festgenommen. Es ist dein Adoptivsohn Peter Ackermann.“

„Nein!“, schrie Harald. „ WARUM? Das sagst du doch nicht einfach so?“ Andreas schüttelte den Kopf. „Wusstest du eigentlich, dass Peter seit drei Monaten heimlich mit Poppy verheiratet ist? Er hat in seiner Kanzlei, die die Angelegenheiten von Ägidius von Stieglitz betreuten, offenbar einen Brief aufgedampft, den Ägidius an seine Söhne geschrieben hat und der ihnen nach seinem Tod ausgehändigt werden sollte. Darin steht, dass Poppy ihre Schwester ist und ein Anrecht auf ein Drittel des Erbes hat. Peter hat also mit allen Mitteln diese junge Frau becirct und standesamtlich geheiratet. Er hat Poppy gesagt, dass du und die Oma noch Zeit bräuchten, um sich an ihre Verbindung zu gewöhnen, deshalb sollte die Ehe vorerst noch geheim bleiben. Bevor ihr bewusst werden sollte, was sie zu erwarten hat, sollte sie einen „Unfall“ haben, dann hätte er als ihr Mann sein Anrecht auf ihr Erbe geltend gemacht. Bestimmt hätte er gesagt, dass er Poppy in einem Anfall romantischen Überschwangs geheiratet hat. Das Gegenteil war aber leider der Fall. Weißt du, um welche Summe es sich bei dem Erbe handelt, die Poppy bekommt und die ihm zugefallen wäre? Das Geld beläuft sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Das reicht, glaub ich…“ er sah Harald an „… für ein BESSERES LEBEN.“

Harald griff automatisch nach der Kaffeetasse und schluckte das Getränk hinunter. Er schmeckte den Cognac darin, erkannte jetzt auch seinen Sinn, aber auch ein zweiter und dritter Cognac brachten ihm seine Fassung nicht wieder. Er fand kein Wort und die Tränen liefen ihm hilflos über das Gesicht, er konnte nichts dagegen tun. –

Alexander von Stieglitz parkte die große, dunkle Limousine im Innenhof des Nobelrestaurants, das sah Harald von seinem Platz aus ganz genau, an dem er mit Rainer saß und danach half Alexander Poppys Großmutter und Poppy selbst aus dem Wagen, von der anderen Seite stieg Dieter aus und jetzt kamen sie auf den Eingang zu. Die beiden Burschen hatten Poppy in die Mitte genommen und es sah aus, als wollten sie mit ihr gleich „Engele, Engele, flieg!“ spielen. Alle strahlten wie die Weihnachtsmänner und Harald, dessen Geburtstag die Geschwister hier feiern wollten, wurde es noch schwerer ums Herz. Er wollte, alles wäre schon vorbei: Dieses Geburtstagsessen, das anschließende Kaffeetrinken in seiner Wohnung, die lieben Geschenke und der Besuch bei Peter im Gefängnis, den er nicht mehr länger aufschieben konnte und vor dem ihm grauste, vorbei, am besten alles, das ganze Leben. Da waren sie, jung und lärmend, umarmten ihn warm und herzlich und jetzt musste er sich freuen und fröhlich sein. Poppys Großmutter saß neben ihm, er gab ihr das Medaillon mit der Rose zurück, das sie ihm einmal gegeben hatte. Wie lange war das her? Es waren erst ein, zwei Wochen, ihm kamen sie wie Ewigkeiten vor. Die alte Frau sah ihn mit ihren Tollkirschenaugen liebevoll an und schloss seine Hand wie damals um das Medaillon. „Mein Kind ist jetzt auch dein Kind“, flüsterte sie heiser. „Du hast jetzt zwei Kinder. Mit dem einen…“ sie sah zu Poppy hin „… hast du Glück; mit dem anderen nicht nur Glück. Wer sagt, dass man immer nur Glück haben kann, was? Aber du hast deinen Teil getan und Poppy gerettet und jetzt kann es wieder gut werden, wenn Gott will, kann es auch wieder gut werden…“

Er nickte stumm und erwiderte den Druck der alten Hand, als die Kinder aufstanden und Poppy, die ein Banjo stimmte, verkündete:

„Onkel Harald, wir wollen dir was vorsingen!“

„Wunderbar!“, er lächelte. „Ich bin gespannt!“

ENDE

 

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Ein besseres Leben - Kurzgeschichte von Ruth Hanke
Ein besseres Leben

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