Kaffee olé!

„Was möchtest du?“, fragte mich ein Freund, Rinaldo, der mich in seine Wohnung eingeladen hatte, um mir die segensreiche Wirkung seines neuen, sündteuren, vollautomatisierten Aromagetränkzubereitungsgeräts vorzuführen. „Einen Cappuccino? Oder Espresso? Einen Latte mit Milchschaum? Oder Kaffee au Lait?“ Ich nickte geistesabwesend und betrachtete den dunklen Kasten mit chromblitzenden Seiten von der Größe eines Übersee- Koffers, der etwa ein Drittel der kleinen Küche einnahm und sah aus dem Fenster. Rinaldo musste inzwischen auf einen Knopf gedrückt haben, denn plötzlich prasselte ein Gewehrfeuer haarscharf an meinen Ohren vorbei, unterlegt von einem betäubendem Stampfen, das nach einiger Zeit in ein anhaltendes Knirschen, Rollen und Gurgeln überging.

„Die Russen kommen!“, schrie ich, aber Rinaldo grinste stolz. „Frisch gemahlene Bohnen!“, rief er durch den Lärm. „Sowas hast du noch nicht getrunken!“

Das hatte ich befürchtet. Es war in den neunziger Jahren nicht nur schwierig, sondern komplett unmöglich einen ganz normalen Filterkaffee zu bekommen, allein der Wunsch danach stempelte einen für alle Zeiten zum dreizackigen Spießer. Aber ich wollte keinen doppelt starken Espresso, in dem der Löffel drin stand, keine Beigaben aus südamerikanischem Rohrzucker, Likören oder Cognac, vor allem wollte ich keinen Milchschaum. Endlich hielt mir Rinaldo, verführerisch lächelnd, einen Fingerhut voll einer dunkelbraunen Essenz hin. „Echt italienisch“, hauchte er und ich argwöhnte langsam, ob im zwischenmenschlichen Bereich der alleskönnende Kaffeeautomat das ersetzte, was früher die Briefmarkensammlung war.

Die Kaffeetrinker, die ich kenne, haben einen bestimmten Geschmack, z. B. schwarz ohne alles oder die Sirup-Version mit vier Löffeln Zucker und ihre Experimentierfreude hält sich dabei in engen Grenzen. Es gibt vielleicht ein paar, die sich jeden Tag von einer neuen Kaffeespezialität überraschen lassen wollen, aber die meisten lieben auf diesem Gebiet die Gewohnheit mit einer vielleicht unbewussten, aber umso größeren Begeisterung, nach dem Motto: „Es bleibe beim Alten!“

Daher ist es ein Zeichen von Freundschaft, dem Gast den Kaffee so zu servieren, wie er ihn mag und nicht so, wie er einem selbst schmeckt. Doch auch das hat manchmal seine Tücken.

„Sag Mal“, fragte mich meine Schwiegermutter, die bei uns zu Besuch war, als ich ihr Kaffee eingoss: „Was iss `n des? `N Tee?“ Okay, das hätte ich wissen können: Schwacher Kaffee macht meine Schwiegermutter nervös. Nächstes Mal investierte ich mehr Pulver, worauf sie anklagend die Hand auf den Magen legte: „Von deinem Kaffee, da kriegt man ja Sodbrennen!“ Auch wieder wahr.

Am Anfang hatten mein Mann und ich einen alten geerbten Porzellanfilter, der der Vorliebe meines Ehemannes für Effektivität und kostengünstige Lösungen entsprach, danach verschiedene Kaffeemaschinen einfachster Machart und jetzt wieder den Handfilter.

Für die Apparatur einer Freundin, die mit Kaffeepads arbeitet, hat er nur Kopfschütteln übrig: „So ein Pad-Kaffee ist 20 Mal so teuer wie ein normaler Filterkaffee und mit Kaffee hat dieser Aufguss auch überhaupt nichts mehr zu tun! Der meiste Kaffee davon wird ungenutzt weggeschmissen und das ganze Verpackungsmaterial – ein Wirkungsgrad schlechter als der einer Glühbirne!“ entrüstet er sich. „Hat alles seine Vorteile!“, werfe ich ein. „In diesem System ist die gesundheitliche Schonung gleich mit eingebaut oder glaubst du, dass davon jemand Bauchschmerzen oder Herzklopfen bekommt? Außerdem verstärkt der ganze Aufwand das Gefühl für das besondere und den Kaffee besonders genießen sollen wir doch wohl?“ „Hm“, meint er, während er mir fürsorglich den letzten Rest kalten Kaffees eingießt. Er selbst macht sich dann einen frischen, aber seitdem er weiß, dass ich auch kalten Kaffee mag, sorgt er umsichtig dafür, dass nichts wegkommt.

Ich decke den Tisch für meine Schwiegermutter, Kuchen, Teller, Tassen, Milch und Zucker.

„Wo ist denn der Kaffee?“, fragt sie. „Der ist noch in seiner Büchse“, antworte ich. „Am besten, du machst ihn dir selber, dann weißt du wenigstens, dass er gut ist.“ Das lässt sie sich nicht zweimal sagen. „Komm mit!“, ruft sie. „Jetzt zeig ich dir, wie man `nen anständigen Kaffee kocht.“

Auf geht’s! Kaffee olé!

 

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Kaffee olé - Glosse von Ruth Hanke
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