Fränkischer Kartoffelsalat

Fränkischer Kartoffelsalat

In unserer Familie bedeutet Kochen: Dienstleistung. Es geht dabei einzig und allein darum, für alle Familienmitglieder ein gesundes, bezahlbares, gut schmeckendes Essen zuzubereiten, das auch noch ordentlich satt macht.

NICHT geht es darum, dass die Köchin oder der Koch – am Ende noch auf Kosten anderer – irgendeine Selbstverwirklichung am Herd entfaltet.
Meine Mutter war in ihrer Rolle als Köchin von weniger konservativer Auffassung. Sie experimentierte gern, manchmal rief das Ergebnis bei der Familie helles Entzücken hervor – manchmal nicht so sehr.

Ich erinnere mich z. B. an einen Sonntag, an dem mein Mann, der Randolf, während des Essens meine Mutter fragte: „Hast du einen Kaktus mitverarbeitet, Heike? Mir ist gerade eine Gräte im Hals steckengeblieben!“ „Also, Randolf!“, entrüstete sich meine Mutter. „Das sind doch keine Gräten, sondern Rosmarin-Nadeln.“ „Und was hat bitte … “, fragte er zurück. „ … eine NADEL im Kartoffelbrei zu suchen?“

Von allen konservativen Franken ist, was das Essen betrifft, der Randolf mit Abstand der konservativste. Er isst keinen Käse und keine Petersilie, verabscheut Sellerie und lässt von allen Küchenkräutern einzig Schnittlauch zu, von den Gewürzen nur Salz und Pfeffer, er isst nur zwei Sorten Fisch, eine davon ungern und die andere ist das, was die Familie „Ketchup-Fisch“ nennt, eine Art Makrelenfilet in Tomatensoße aus der Büchse. Von den Snacks kann er sich nur für zwei Alternativen erwärmen: Salzletten und geröstete Erdnüsse.

Was den Salat angeht, isst er nur Gurken – und Tomatensalat, auch die streng nach Rezept zubereitet, d. h. es möge sich niemand solche Extravaganzen einfallen lassen wie etwas Dill unter den Gurkensalat zu mischen.

Aber wenn wir allein sind, feiern Franziska und ich wahre Salat-Orgien. Manchmal haben wir die Salatwoche ausgerufen, wo es an jedem Tag der Woche einen fulminanten Salat als Hauptmahlzeit gab: Bunten Salat mit Putenschnitzel, Endiviensalat mit Orangen, Dill und Creme-fraiche-Dressing, Eisbergsalat mit hartgekochten Eiern und Hüttenkäse-Zubereitung, Chicorée-Salat mit Mandarinen, Mandeln und Camembert, Feldsalat mit Kartoffeldressing und Speck usw. Es war eine Lust, was wir ausprobiert haben, wie wir uns kopfüber in die Vitamine stürzten.

Allerdings hat ausgerechnet fränkischer Kartoffelsalat mir bisher seine letzten Geheimnisse verweigert.

Bei ihm ist nämlich der konservative Randolf unangefochtene Spitze!

Sein Kartoffelsalat ist so fantastisch gut, dass man es gar nicht beschreiben kann. Er schmeckt so sanft säuerlich und aromatisch würzig, so frisch wie der Meereswind in Dänemark, wo der Randolf den Zitronenpfeffer von Santa Maria einkauft, der spratzelt wie ein Feuerwerk und scharf ist wie gestoßene Glasscherben. Es ist ein Kartoffelsalat, der ganz normale Wiener Würstchen, jedes Fischfilet und jedes Schnitzel zu einem einmaligen Festessen macht, der einen von innen her erwärmt und zum Lächeln bringt; ein Kartoffelsalat, durch den man zu einem glücklichen, friedlichen, wunderbar selig-satten Menschen wird.

Ja, wie stellt man sowas her? Ich weiß es auch nicht. Aber er weiß es: Prof. Dr. Randolf Hanke.

Schreiben Sie ihm einen herzergreifenden Brief, bestechen Sie ihn mit einigen Packungen gesalzener Erdnüsse und versuchen Sie ihm das Geheimnis zu entlocken:

Vielleicht verrät er es Ihnen und die schönsten Gaumenfreuden stehen Ihnen bevor.

Sehr guten Appetit!

 

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Fränkischer Kartoffelsalat - Glosse von Ruth Hanke
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