Das allertollste Pausenbrot

Das Telefon klingelte und ich nahm ab. „Hier ist Frau Groß, die Mutter von Melvin Groß.“
„Aha ….“, meinte ich und kramte hektisch in meinem Gedächtnis. Vorsichtshalber steuerte ich ein „Grüß Gott!“ bei, denn das ist nie verkehrt. Offenbar konnte man durch das Telefon sehen, dass ich mir immer noch kein Bild machen konnte, denn Frau Groß meinte: “Der Melvin geht mit Ihrem Sohn Daniel zusammen in die neunte Klasse und ich wollte Sie fragen, ob morgen einmal Sie das Pausenbrot für die Jungs machen können?“ „Natürlich“, erwiderte ich, etwas perplex, worauf sie fortfuhr: „Ich muss nämlich morgen ganz früh zum Arzt und weil seit drei Jahren ich das Pausenbrot für den Daniel mit zubereite, hab ich gedacht…“

„Was?!“, rief ich erschrocken und versicherte: „Natürlich mach ich das! Und alles Gute für Ihren Termin, hoffentlich ist es nichts Ernstes.“ Als der Daniel heimkam, konfrontierte ich ihn mit dieser Nachricht. „Jetzt sag Mal! Du isst seit DREI JAHREN das Pausenbrot vom Melvin? Zu mir hast du immer gesagt, du bräuchtest keines.“

„Brauch ich auch nicht“, entgegnete der Daniel. „Ich esse ja beim Melvin mit – schmeckt hervorragend!“ Meine Einwände, dass so ein Verhalten auf mich als Mutter zurückfällt, nahm er ohne größere Schwankungen seines seelischen Gleichgewichtes zur Kenntnis.

Mit dem Pausenbrot legte ich mich ins Zeug. Ich belegte Mischbrot mit gekochtem Schinken und kleinen sauren Gurken, halbierte Baguettes mit Käse und Tomaten drauf, kochte für jeden zwei Eier pflaumenweich und schichtete alles, garniert mit einer Tüte geschältem Obst mit Nüssen, Schokoriegeln und Minisalamis ergonomisch korrekt in zwei gar nicht so kleine Tupper-Büchsen.
Als der Dany heimkam, wartete ich gespannt auf das Echo: „Na?! Wie hat es ihm geschmeckt?“ „Keine Ahnung“, erwiderte der Dany. „Er hat es nicht gegessen.“ „Aber warum nicht?“, fragte ich konsterniert. „Er sagt, er isst nur Brot von seiner eigenen Mutter. Aber der Patrick hat es gegessen und sagt danke schön, es war vorzüglich.“

Damals fand ich das alles unerhört, bei meiner Kleinen regte es mich schon viel weniger auf.

Mehrere ihrer Freundinnen, deren Mütter sie mit sorgenvollem Gesicht als sehr schlechte Esser bezeichneten, fraßen bei uns wie die Scheunendrescher und soffen wie die Bürstenbinder, angelten sich die letzten Fischstäbchen aus der Pfanne und die letzten Kartoffeln aus der großen Schüssel und futterten regelmäßig die Eis-Kiste leer, was ich als Kompliment auffasste.

Auch Franziska nahm lange Zeit kein Pausenbrot mit, sondern verspeiste das ihres Banknachbarn: „Ein tolles Brot, Mama, herrlich weiches Korn und ganz dick aromatischer Käse drauf, das kriegst du sowieso nicht hin.“ „Und der Peter?“, wollte ich wissen. „Was isst der?“ „Och, der … Der kauft sich in der Pause eine Tüte Chips.“

Klar, dachte ich. Wahrscheinlich kriegt der Peter auch zu allen anderen Mahlzeiten hochwertige Vollwertkost und will in der Schule dafür etwas richtig Ungesundes haben. Vielleicht entwickeln Kinder schon früh einen Sinn für wirklich ausgewogene Ernährung. Man muss bloß der Abwechslung – auch familienübergreifend – eine Chance geben.

Denn das allertollste Pausenbrot ist immer noch: Das der anderen.

 

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Das allertollste Pausenbrot - Glosse von Ruth Hanke
Glossen von Ruth HankeDas allertollste Pausenbrot

  • Wie immer voll aus dem Leben gegriffen. Das habe ich beim meinem Sohn ähnlich erlebt. Das Essen bei Anderen schmeckt immer besser! Ist doch klar – oder? Herrlich und tröstlich für alle Mütter, die gleiches erlebt haben od. noch erleben werden.

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